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Hilfen für mehrperspektivisches Wahrnehmen

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Wir wollen verstehen, was eine „Wiese“ ist.

Im mehrperspektivischen Wahrnehmen ergibt sich diese besinnende Denkbewegung:

Ökonomische Betrachtungsweise:

In den Blick kommt der Marktwert der Wiese, ihr monetärer Preis: Was kostet sie? Für den Bodenmakler beispielsweise ist sie ein Grundstück, mit dem er spekuliert, um später erhöhte Gewinne zu erzielen.

Politische Betrachtungsweise:

Unter diesem Aspekt erscheint die Wiese als verfügbare Masse im politischen Poker um ihre Nutzung. Sie wird beispielsweise zum Zankapfel der Parteien im Stadtrat; die einen wollen sie als stadtnahe Grünzone erhalten, die anderen in den Bebauungsplan aufnehmen und damit zerstören. Wer hat die grösste Macht, über die Wiese zu verfügen?

Sozial-rechtliche Betrachtungsweise:

Die Wiese erscheint unter den Bedingungen von Besitz und Eigentum. So kann sie beispielsweise Thema bei Erbstreitigkeiten werden: Wem gehört sie?

Theoretische Betrachtungsweise:

Die Wiese wird Gegenstand, wird Objekt der Forschung .
Unter physikalischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein kosmischer Reigen von Teilchen und Austauschteilchen. Unter kybernetischen Gesichtspunkten ist die Wiese ein vernetztes System, das seinerseits in eine umfassendere Vernetzung integriert ist. Das schliesst die biologischen Einsichten in Bodenbeschaffenheit, Pflanzenbewuchs, Tierpopulation und ökologische Kreisläufe ein. Unter biologisch-darwinistischer Sicht ist die Wiese ein Schlachtfeld: Die Natur kämpft hier ihren erbarmungslosen „Kampf ums Dasein“.

Die ästhetische Betrachtungsweise:

Die Wiese wird Thema der Kunst, Albrecht Dürer beispielsweise malt das „Kleine Rasenstück“. Was ist das Naturschöne an ihm? Was macht das Bild von der Wiese sichtbar, das wir ohne die künstlerische Gestaltung nicht wahrnahmen?

Die ethische Betrachtungsweise:

Die Wiese spricht uns an und fragt ethisch: Wie soll ich Mensch mit ihr umgehen, sie vernichten, indem ich sie zubetoniere oder hegen und pflegen, indem ich sie in ihrem Eigenrecht belasse?

Die religiöse Betrachtungsweise:

Unabhängig von jeder konfessionellen Religiosität bleibt die anthropologische Einsicht, dass kein Mensch eine Wiese „gemacht“ hat, keine Blume, kein Grashalm, kein Käfer und kein Wurm sind das Produkt menschlicher Leistungen. Welchen, jeden Materialismus überschreitenden, Raum eröffnet diese Einsicht? Erfahren wir hier ein heiteres Entsagen vom nachstellenden Machtwillen des neuzeitlichen Herren und Besitzers der Natur?

Was nun ist die Wiese?

Die Summe aller hier genannten Aspekte? Mindestens dies gilt: Wer willkürlich nur einen dieser Aspekte in seinem Erkennen zulässt, reduziert das Wiese-Sein in gefährlicher Weise. Indem er sie beispielsweise nur ökonomisch erkennt, vernichtet er sie, ohne Skrupel zu empfinden. Der hier geforderte integrale Blick erschwert solches Vernichtungsdenken und eröffnet sogleich Zukunftsräume einer naturverträglicheren Lebensweise.

Und dennoch bleibt auch dies: Was die Wiese in ihrem An-Sich-Sein ist, das müssen wir Menschen unerkannt liegen lassen. Wir können das An-Sich-Sein der Dinge, ihr Wesen, prinzipiell nicht erkennen. Was das Wesen der Natur, des Menschen, der Geschichte ist – wir wissen es nicht!  Das sollte uns bescheidener, vorsichtiger, demütiger sein lassen im Umgang mit der Natur, mit uns selbst und mit den Mitmenschen überall auf der Welt, mit unserer Geschichte und unseren Geschichten. Insofern wäre ein tautologisches Reden angemessener: Eine Wiese ist eine Wiese. Punkt. Auf diese Weise können wir das Phänomen „Wiese“ bei sich selbst lassen, es Sein-Lassen, ohne es durch unseren Willen zur Macht zu deformieren und schlussendlich gar zu zerstören.


Literatur

Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter, 1984



Peter Kern

 


Zufällig ausgewählte Glosse

Die Not ist die Kette der Armen dieser Welt, die sie aneinander fesselt. Leider fehlt ihnen die Kraft, sie zu sprengen.