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Geist

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Geist


Geist“ ist für mich keine Substanz, keine wie auch immer zu fassende Entität. Damit entledige ich mich von vornherein eines ganzen Bündels schwieriger Fragen der Philosophiegeschichte.

„Geist“ sind für mich „geistige Funktionsweisen“, bei denen die je folgende die vorige in komplexer Struktur mitenthält; „Geist“ wird also erfahrbar durch eine Kette von Verben: anschauen, wiedererkennen, vorstellen, Sprache-verstehen, Sprache-sprechen, phantasieren, logisch operieren/denken, reflektieren, entwerfen, wählen bzw. sich entschliessen, handeln, meditieren.

In der seelisch-geistigen Wirklichkeit gibt es jedoch das nicht, wovon soeben in abstrahierender Darstellung gesprochen wurde: das Anschauen, Denken, Entwerfen, Handeln. Es gibt in der konkreten seelisch-geistigen Wirklichkeit anschauende, denkende, entwerfende, handelnde Personen!

Dieser „Atem des Geistes“ umfasst also „geistiges Einatmen“: das Aufnehmen von Welt vom Anschauen bis zum Reflektieren, in dem ich Subjekt und Objekt der Erkenntnis ineins bin; und „geistiges Ausatmen“: das Tätigwerden in der Welt vom Entwerfen bis zum Handeln; das Meditieren ist in dieser Auffassung das Reflektieren über die vorweg vollzogenen Handlungen.

Alle geistigen Funktionsweisen sind intentional, und sie vollziehen sich als Ganzheit von Griff-Funktion und Empfindungs-Funktion, denn alles Aufgefasste wird zugleich auch empfunden.

Geistiges so betrachtet ist also „Verstand“ in seinen formallogischen Leistungen, die am Massstab von „richtig“ bzw. „falsch“ zu messen sind.

Etwas anderes sind die Wertempfindungen, die Lebensgefühle als Stimmungen; das sind keine spezifisch geistigen Griff-Funktionen mehr. In ihnen entscheidet sich der jeweilige Anspruch des Sollens: Welchen Imperativen ist der „Geist“ als „Verstand“ dienstbar zu machen?

Die anthropologisch „unfreie“ Person nimmt diesen Geist in den Dienst der Sorgestruktur der Tiefenperson, die Stimmung der „Angst“ bestimmt die Verstandesleistungen; die anthropologisch „freie“ Person dagegen ist hineingehalten in die Stimmung der „Liebe“, und die Verstandesleistungen des Geistes stehen unter ihrem unbedingten Anspruch.

Von diesem Gedanken her unterscheide ich in meinen philosophischen Peanuts „Verstand“ und „Vernunft“: „Verstandesleistungen“ messen am Mass von „richtig/falsch“; „Vernunftleistungen“ messen am Mass von „was soll sein/was soll nicht sein“ („gut“/“böse“).

Für die Friedensbewegung und für die Ökobewegung haben wir diesen Gedanken fruchtbar zu
machen versucht; vgl. Peter Kern/Hans-Georg Wittig: Lernen im Atomzeitalter - Erschliesst ‘vernehmende Vernunft’ Zukunft? In: Lutz van Dick (Hg.): Lernen in der Friedensbewegung. Ideen für pädagogische Friedensarbeit. Weinheim 1987, S.120-126

Peter Kern



 


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