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Europa / Aufsatz

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Einige Anmerkungen zu den Wurzeln Europas



Wir leben in Europa.
Europa ist das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse. Georgraphisch betrachtet ist Europa ein Subkontinent, der mit Asien zusammen den Kontinent Eurasien bildet.

In der mittelalterlichen Vorstellung ist Europa der Erdteil, der der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegen ist, weshalb er auch den Titel „Abendland“ ( Okzident ) trug, auch christliches Abendland -  im Gegensatz zum „Morgenland“ ( Orient ) der aufgehenden Sonne.

Politisch gesehen sind wir Europäer heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem eine höchst eigenwillige ökonomische Interessengemeinschaft, die sich in der Welt als Europäische Union zu behaupten versucht.

Wer aber sind wir, wir Europäer?

Wir wollen es offenbar gar nicht mehr wissen.

Wer in der Europäischen Verfassung an die christlichen Wurzeln unseres europäischen Kontinents erinnern wollte, der wurde ins Kreuzfeuer der Kritik genommen: man verwies auf das laizistische Prinzip moderner Demokratien und darauf, dass sich Europa anschicke, ein multikultureller Kontinent zu werden, dem die ausdrückliche Erwähnung des Christlichen nur hinderlich im Wege stünde. Es blieb Umberto Eco, dem grossen Kenner der europäischen Kultur, vorbehalten, darauf  aufmerksam zu machen, dass er es „nicht unangebracht“ fände, in einer Europäischen Verfassung neben der Bezugnahme auf die jüdisch-christliche Tradition sogar auch noch an die noch älteren griechisch-römischen Wurzeln unseres Kontinents zu erinnern.

Was also prägt uns Europäer, wenn wir in unserer Selbstwahrnehmung mehr sein wollen als nur  politisch-ökonomische Machtpolitiker?

Uns bestimmen offensichtlich die gemeinsamen Werte, die sich aus der griechischen Philosophie, dem römischen Recht und aus dem Judentum und Christentum  speisen. Hinzu kommen die neuzeitlichen Naturwissenschaften und die westliche Demokratie.

Geistig hat Europa also vier Quellen:

Die griechischen-römischen Wurzeln mit den Möglichkeiten der philosophischen Besinnung mit einer unbedingt geltenden ethischen Orientierung am „nous“ und der rechtsstaatlichen Ordnung;

die jüdisch-christlichen Wurzeln mit der monotheistischen Gottesvorstellung und deren Offenbarungstheologie mit einer absolut geltenden Auslegung von Mensch, Welt und „Gott“, in der der Mensch rückgebunden wird an den einen Gott in der „Imago Dei“.

die neuzeitlichen exakten Naturwissenschaften mit den Möglichkeiten metaphysikfreier und subjektunabhängiger objektiver Erkenntnis mit ihren vielfältigen technischen Anwendungen, die wir uns angewöhnt haben als „Fortschritt“ zu deuten;

und schliesslich - als eine Folge auch der Aufklärung - die Idee der westlichen Demokratie, die die Fremdbestimmung der Masse der Bürger und Bauern durch den geistlichen Adel und durch den weltlichen Adel, also durch Kirche, Kaiser und Könige, beendete.

Der solchermassen autonom gewordene Europäer orientiert sich idealtypisch an der

Idee der Freiheit:
Er ist selbst gesetzgebend. Er duldet keine Autorität über ihm; er hat sich revolutionär aus der Heteronomie von Fremdherrschaft befreit, um sich autonom als aufgeklärter Bürger seine Gesetze demokratisch selbst zu geben.

Idee der Gleichheit:
Mann und Frau, Arme und Reiche, alle Bürger und Bürgerinnen sind gleich. Das heisst nicht, dass alle gleiche Anlagen hätten, wohl aber, dass ihnen gleiche Chancen zur Selbstverwirklichung eingeräumt werden sollen. Vor allem aber bedeutet Gleichheit Gleichbehandlung vor dem Gesetz.

Idee der Brüderlichkeit:
In diesem Terminus bewahrt der Europäer die ethische Substanz seiner geschichtlichen Wurzeln, den antiken und christlichen Humanismus, der im Begriff der „Würde“ des Menschen anschaulich wird.

Soweit die Skizze des idealtypischen europäischen Menschenbildes.

Und die Realität?

Es wäre hier die Tragödie dieses europäischen, also des antiken und christlichen  Humanismus, zu erzählen. Von vielfältigem Scheitern wäre zu berichten, von Selbstmissverständnissen und von dem mangelnden Willen, das als „gut“ Erkannte auch in die Tat umzusetzen. Innerhalb der europäischen Demokratien zeugt die Differenz zwischen Verfassungsnormen und Verfassungswirklichkeit von einem andauernden Ringen um die Verwirklichung der antiken und christlichen Ideale. Wie wenig sie umgesetzt werden konnten, wird in Zeiten grosser moralischer Abstürze deutlich. Wiewohl in den Schulen ausgebildet im Horizont dieser abendländischen Tradition, scheiterte beispielsweise der deutsche Bildungsbürger grausam. Wo waren 1933 die sophokleischen Charaktere, zu denen das althumanistische Gymnasium erziehen wollte, wo waren die Persönlichkeiten, die aus der Freiheit eines Christenmenschen gegen die Barbarei des Nationalsozialismus Widerstand leisteten? Sie blieben Ausnahmen. Und heute, angesichts des Elends in dieser Welt, im Blick auf Armut und Unterdrückung und Ausbeutung und angesichts der Schändung der uns alle tragenden Natur mit allen tödlichen Folgen der immer intensiver werdenden Klimakatastrophe – Bewährung im Horizont antiker oder christlicher Tugenden? Wieder nur Ausnahmen.

Die Gründe dieses Scheiterns waren und sind vielfältig. Sie bleiben hier undiskutiert, nur der Prozess des Abbaus der wertranghohen Ansprüche an den  Europäer sei skizziert:

Es gelang nicht, die griechischen Kardinaltugenden wirklich geschichtswirksam werden zu lassen.

Wo lebten und wo leben wir Europäer aus dem Ursprung der vier griechischen Kardinaltugenden, wie sie durch Aischylos und Platon überliefert sind?


Wikipedia hilft uns bei der Orientierung: Der Dichter Aischylos charakterisiert in seinem 467 v. Chr. entstandenen Stück „Sieben gegen Theben“ den Seher Amphiaraos als tugendhaften Menschen, indem er ihn als verständig (sóphron), gerecht (díkaios), fromm (eusebés) und tapfer (agathós) bezeichnet; der Begriff agathós ("gut") ist hier, wie in vielen Inschriften, im Sinne von "tapfer" (andreios) zu verstehen.
Platon übernahm in seinen Dialogen „Politeia“ und „Nomoi“ die Idee der Vierergruppe. Er behielt die Tapferkeit (bei ihm ανδρεία, andreia), die Gerechtigkeit (δικαιοσύνη, dikaiosýne) und die Verständigkeit (σωφροσύνη, sophrosýne) bei, ersetzte aber die Frömmigkeit (εùσέβεια, eusébeia) durch Klugheit (φρόνησις, phrónesis) oder Weisheit (σοφία, sophía). Durch diesen Schritt wurde die Frömmigkeit aus dem Tugendkatalog verdrängt. Noch Platons Zeitgenosse Xenophon, der wie Platon ein Schüler des Sokrates war, schrieb Sokrates einen Kanon von nur zwei Tugenden zu, nämlich Frömmigkeit (die die Beziehungen zwischen Menschen und Göttern bestimmt) und Gerechtigkeit (die für die Beziehungen der Menschen untereinander massgeblich ist).


Greifen wir nur eine der griechischen Kardinaltugenden heraus, die Weisheit. Waren wir Europäer weise, sind wir es heute? Wenn „Weisheit“ heisst, wie Aristoteles urteilte, dass wir fähig sind, von den Herausforderungen des Tages Abstand zu nehmen, um das jeweils nächsthöhere Ganze wahrzunehmen, von dem unser Handeln betroffen ist, dann müssen wir selbstkritisch eingestehen, dass wir allzu oft nur unseren egoistischen Partikularinteressen folgten und folgen – mit allen zu beschreibenden inhumanen Konsequenzen. Die Prozesse der Kolonialisierung haben immer noch nicht ihr Ende gefunden, weder die Kolonialisierung des Anderen noch die der eigenen Lebenswelt.


Und ebenso wenig gelang es, die drei christlichen Tugenden Glaube  (fides), Hoffnung
( spes) und Liebe ( caritas) wirklich geschichtswirksam werden zu lassen.

Leben aus dem Ursprung der „Liebe“ im Sinne der christlichen Caritas ( antik-philosophisch: Agape ): Auch hier weitgehend Fehlanzeige. Solche „Liebe“, die um des Anderen willen sich ohne Eigennutz bewährt, bringt doch nichts ein, schafft keine Vorteile, akkumuliert kein Kapital und keine Macht.

Die prämoderne, also die metaphysische und offenbarungstheologische Begründung dieser ethischen Orientierung des europäischen Menschen am antiken und christlichen Humanismus wurde der Skepsis ausgesetzt. Skepsis ist irreversibel. Die theozentrische Begründung der Tugenden war nicht länger aufrecht zu erhalten. In der westlichen Aufklärung versuchte man dann, die ethische Substanz von Antike und Christentum anthropozentrisch, innerweltlich, zu retten. Doch bisher ohne Erfolg, weshalb immer wieder  geurteilt wird, das Projekt Aufklärung sei gescheitert.

Die Aufklärung hoffte, im Begriff der „Vernunft“ die abendländische ethische Substanz innerweltlich wirksam werden zu lassen. Doch statt der einen verbindlichen Vernunft, an der wir uns orientieren könnten, gibt es Vernunft nur noch im Plural. Postmodern finden wir uns heute in einer geschichtlichen Situation grösster Unübersichtlichkeit und allgemeiner Relativität wieder: Anything goes.   Massstab für den postmodernen Europäer sind nur noch die neuzeitlichen Naturwissenschaften und eine ins Formale ausgewichene Demokratie.

Man weiss nicht mehr zu sagen, was sein soll.
Man singt das hohe Lied des hochgradig Differenten und dekonstruiert alles, was in der Tradition einmal Halt und Orientierung zu geben versprach. Das Ergebnis: Man landet in einem alles zerstörenden nihilistischen Pluralismus.
Individuelle Miseren und kollektive Katastrophen sind die unausweichlichen Folgen.

Steckt in der Rückerinnerung an die Antike eine Chance für unseren sinkenden Weltteil?
Verspricht ein Anknüpfen an den griechischen Kosmos eine Neuorientierung mit zukunftsfähiger Perspektive?

Kosmos, κόσμος, kósmos,  heisst griechisch: „die (Welt)Ordnung“, auch „Schmuck“, „Anstand“. In der griechischen Mythologie wurde unter Kosmos das sichtbare Universum als geordnetes, harmonisches Ganzes verstanden - im Gegensatz zum Chaos.

Ich höre sie schon, die Kritiker: Hier kann ja nur im Sinne Nietzsches antiquarische Historie betrieben werden, es wird nur Erinnerungen an einen nutzlos gewordenen Bildungsballast geben, denn für einen Heutigen hat die Antike nichts, aber auch gar nichts mehr zu sagen. Bestenfalls wird man unverbindliche ästhetische Bildungsempfindungen erzeugen. Unter dem Titel „Die Bildungslüge“ findet man Urteile wie diese: Wer sich mit der Antike herumschlägt, gar Altgriechisch lernt, der „vergeudet kostbare Lebenszeit“. „Die Kenntnis der antiken Literatur hat keinerlei praktische Auswirkungen auf das Leben, und deswegen ist es auch nicht wichtig, wenn die alten Autoren nicht mehr gelesen werden.“

Stimmt das? Wie wäre es mit einer Kritik der Kritiker? Meine Gegenthese: Erst in der Besinnung auf die philosophische Dimension des antiken Menschenbildes werden wir zu jenem Orientierungswissen kommen, das uns die Verwirklichung zukunftsfähiger Lebensstile ermöglicht, also die Reduzierung, ja gar die Überwindung jener oben angesprochenen individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen.

An drei altgriechischen Begriffen will ich meine These belegen:
„logos“, „physis“ und „nous“.

„logos“:

Der griechische Logos wurde ins Lateinische übersetzt mit „Ratio“, und Ratio ins Deutsche übertragen mit „Verstand“ und „Vernunft“. In dem Moment, wo Logos nur noch als „Verstand“ erscheint, also etwa seit der europäischen Aufklärung, haben wir das grosse griechische Wort „logos“ halbiert: Es kann uns nur noch auf die Frage antworten, ob etwas „richtig“ oder „falsch“ ist. Es ist aber nicht mehr die „vernünftige Rede“, die mir sagt, ob das „Richtige“ auch sein soll, ob es „gut“ oder „böse“ ist. Ein Beispiel: Bau und zielgenauer Abwurf der Atombombe in Hiroshima ist ein Triumph des Verstandes, man hat alles „richtig“ gemacht – aber zugleich eine Niederlage der Vernunft; Bau wie Abwurf waren gleichermassen „unvernünftig“. Der um die Dimension der Vernunft gekürzte Logos-Begriff der alten Griechen bleibt für uns postmoderne Menschen in ethischer Hinsicht stumpf. Um des Überlebens willen ist es deshalb ethisch geboten, eine Renaissance des vollen Logos-Begriffes zu wagen.

„physis“:

Natur hiess bei den alten Griechen „physis“. Für sie war Natur aber etwas anderes als für uns. Die Griechen waren gelassen genug, die Natur sich von sich selbst her zeigen zu lassen, ohne sie grosstechnisch auszubeuten und zu zerstören. Unsere neuzeitliche naturwissenschaftliche Erkenntnis erfolgt demgegenüber unter Bedingungen, die die Natur letztlich zerstören. Sie wird zur berechenbaren Grösse umdefiniert, bis die empirisch abgesicherten objektiven Gesetzesaussagen möglich werden. Dann erscheint uns beispielsweise ein Baum nur noch als Photonenschauer auf unserer Netzhaut. Gute Naturwissenschaftler wie etwa Carl Friedrich von Weizsäcker wussten, dass dieser analytische Zugriff auf die Natur niemals die Natur erkennt, sondern nur unsere naturwissenschaftliche Theorie von ihr. Und sein Freund Georg Picht hat in anspruchsvollen Studien zeigen können, dass die heutige Naturwissenschaft deshalb die Natur zerstört. „Warum zerstört sie die Natur? Weil sie die Natur nicht so erkennt, wie sie von sich aus ist.“ Wir denken also falsch. Die Vorherrschaft des berechnenden Denkens ist, so betrachtet, der Grund für die gegenwärtige Ökologieproblematik. Wenn wir das Unheil abwenden wollen, das in der Dominanz des berechnenden Denkens liegt, dann muss es durch ein besinnendes Denken domestiziert werden. Solche Domestizierung könnte durch die Renaissance des altgriechischen Begriffs der „physis“ gelingen.

„nous“:

Der Begriff Nous (griechisch νοῦς nous) bezeichnet primär das menschliche Vermögen, etwas geistig zu erfassen. Er wird häufig im Deutschen mit „Geist“ oder auch „Vernunft“ wiedergegeben - in Abgrenzung zur Logik im Sinne des „richtigen Denkens“ des „Verstandes“.
Im Dialog „Phaidros“ erzählt Plato das berühmt gewordene Wagenlenker-Gleichnis. In ihm wird die Bedeutung von „nous“ anschaulich. Der Mensch, genauer: die menschliche Seele, wird in diesem Gleichnis mit einem Wagen verglichen, der von zwei Pferden gezogen wird. Die Richtung der Fahrt gibt der Wagenlenker  ( „nous“ ) an, demgegenüber die beiden Pferde nur schwer in der vernünftigen Spur zu halten sind. Das eine Pferd, wild und ungestriegelt, heisst Epithymia ( lateinisch: Cupiditas ), was man ins Deutsche mit „Begierde“, „Animalität“ übersetzt hat. Das andere Pferd, edel und dressiert, heisst Thymos, was man üblicherweise im Deutschen mit „Mut“, „Wille“, das „Ehrhafte“ wiedergibt. Das eine Pferd repräsentiert gleichsam die biologischen Begierden, die „Triebschicht“ im Menschen; das andere Pferd den streitlustigen Willen zum Machthaben, Siegen und Berühmtsein, also jene Antriebstruktur, aus der die „zweite Natur“ der gesellschaftlichen Verhältnisse wird. Beide Pferde streben in aller Regel in entgegengesetzte Richtungen, nur die geistige Grundrichtung des Nous vermag das vernünftige Ziel anzugeben, das dann immer nur schwer und unter grössten Anstrengungen zu erreichen ist.

Der anthropologische Ertrag des Wagenlenker-Gleichnisses ist der, dass wir unser Menschsein nicht schon erreicht haben, wenn wir uns nur unter biologischen ( Begierden, Animalität ) und nur unter soziologischen ( Thymos, Ehrhafte ) Kategorien wahrnehmen.
Das altgriechische Denken lehrt demgegenüber, dass wir erst durch  Emporbildung zum  Menschen werden: Paideia (griechisch παιδεία, „Erziehung“, „Bildung“). Ziel der Emporbildung ist die Kräftigung und Stärkung des „nous“. Im „nous“ meldet sich jene Liebe ( „agape“¸ griechisch Αγάπη; lateinisch caritas ), aus der heraus Leben erst befriedet und gerecht gelingt. So betrachtet ist das griechische Menschenbild ein ganzheitliches. Das Adjektiv „ganz“ bedeutet auch „heil“. Nur ein solchermassen „ganzer“ Mensch wird nicht länger zum Ursprung von furchtgetriebener und verstandgesteuerter Machtkonkurrenz, die allem Unheil dieser Welt zugrunde liegt.

Demgegenüber sind wir heutigen Europäer nur „Halbmenschen“, egomanische Verstandesegoisten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit zur unversieglichen Quelle des Todes werden.

Wenn wir eine gelingende Zukunft wirklich wollen,

dann wird sie nicht durch das trennende und berechnende Denken der neuzeitlichen Naturwissenschaften aufgebaut werden können; diese bleiben immer nur  ein, freilich hilfreiches, Mittel zur Erreichung einer nachhaltigen Gesellschaft ( sustainable society );

dann haben wir wieder zu lernen, dass eine nur formale Demokratie unzureichend bleibt für die Verwirklichung einer normativ anspruchsvollen und gelingenden Zukunft; unsere Demokratie wird immer nur so viel taugen, wie die Menschen in ihr etwas taugen;

dann können wir nicht naiv in den Horizont einer prämodern argumentierenden Offenbarungstheologie ( Christentum ) zurückfallen; fundamentalistisches Denken ist dann rasch die Folge, und der Streit der Konfessionen ist vorprogrammiert.

Steckt im antiken Humanismus eine Chance, eine befriedetere und gerechtere Zukunft zu ermöglichen? Ich wage ein Ja. Es gibt die mögliche Umdefinition des antiken Humanismus in ein neomodernes Konzept von Mensch, Welt und „Gott“, das zu einer universalen Vereinigungswahrheit führt.

Wenn der antike Humanismus auch immer wieder scheiterte, so formulierte er doch positive Ideale für die Emporbildung des Einzelnen. Und dort, wo dieser antike Humanismus sich bewährte, hat er Mass-Stäbe für Gerechtigkeit und Tapferkeit, für Mässigung, und vor allem für Weisheit / Klugheit gesetzt. In den reichen Schätzen der griechischen Kultur, zentriert in der Idee der Polis, können wir bis heute beispielhaft am Ringen um das Humane als höchste Möglichkeit menschlicher Selbstverwirklichung teilhaben. Insofern ist die Wiederbeschäftigung mit der Antike mehr als nur eine unverbindliche ästhetische Spielerei: Kalokagathia.  Der Name kalokagathos hat seinen Ursprung im Griechischen "kalós kai agathós" und bedeutet Schönheit und Güte, Schönheit und das Gute.  Kalokagathia ist also das klassische Ideal für physische und moralische Perfektion, aus der heraus wir eine bessere Welt schaffen können – wenn wir es denn wollen...

Zu welchen ungeheuerlichen Missverständnissen auch die Orientierung an der Polis führen kann, zeigt das in jeder Hinsicht unentschuldbare Fehlverhalten jener Pädagogen, die ihre Triebstruktur nicht durch einen aufgeklärten "nous" zu zügeln vermochten. Die reformpädagogisch geführte Odenwaldschule in Deutschland wird seit dem Bekanntwerden pädophiler Übergriffe für immer mahnendes Menetekel bleiben. Dass die abendländische Wertorientierung im Horizont christlichen Selbstverständnisses vergleichbar in der Praxis scheitern kann, belegen die pädaphilen Übergriffe vor allem katholischer Priestern.

So liegt eine tragfähige Orientierung für den Menschen möglicherweise jenseits antik-philosophischer und christlich-theologischer Auslegungen vom Menschen. Die brennende Frage lautet: Wie lässt sich die ethische Substanz des Abendlandes so ins 3. Jahrtausend hinein retten, das sie zu einer wirklich tragfähigen Grundlage für ein gelingendes und zukunftsfähiges Leben wird. Im Umfeld des Konzeptes der "Metaphysisch offenen integrierenden Pädagogischen Anthropologie" wird eine Antwort auf diese Frage versucht.


Literatur

Umberto Eco: Im Krebsgang voran. Heisse Kriege und medialer Populismus, 2007

Manfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität, 2002

Werner Fuld: Die Bildungslüge, 2004

Bernhard Kytzler u.a. (Hg.): Unser tägliches Griechisch. Lexikon des altgriechischen Spracherbes, 2007 in 3. Auflage

Georg Picht: Der Begriff der Natur und seine Geschichte. Mit einer Einführung von Carl Friedrich von Weizsäcker, 1993 in 3. Auflage

Heinrich Weinstock: Die Tragödie des Humanismus. Wahrheit und Trug im abendländischen Menschenbild, 1960

Peter Kern




 


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