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Denn sie wissen nicht, was sie glauben

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Denn sie wissen nicht, was sie glauben


Das Reformkonzil Vaticanum II von 1962 bis 1965 erklärt in der „Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung“ dieses:

„Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauche des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn auf Grund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben..., Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind. Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte, als echte Verfasser schriftlich überliefern. Da also alles, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt zu gelten hat, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in den Heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte.“

Lesen wir in der Heiligen Schrift, in der Bibel:

„Der Herr ist ein Krieger...Deine Rechte, Herr, ist herrlich an Stärke, deine Rechte, Herr, zerschmettert den Feind. In deiner erhabenen Grösse wirfst du den Gegner zu Boden. Du sendest deinen Zorn..“ ( Ex 15, 6-7 ).

Gott ein Krieger. Der Andere ein Feind: Er muss zerschmettert werden.

„Ich hebe meine Hand zum Himmel empor und sage: So wahr ich ewig lebe! Habe ich erst die Klinge meines Schwertes geschliffen, um das Recht in meine Hand zu nehmen, dann zwinge ich meinen Gegnern die Strafe auf und denen, die mich hassen, die Vergeltung. Meine Pfeile mache ich trunken von Blut, während mein Schwert sich ins Fleisch frisst – trunken vom Blut Erschlagener und Gefangener, ins Fleisch des höchsten feindlichen Fürsten“ ( Deut 32, 40 – 42 ).

Konfliktlösung: Wieder kriegerisch, mit dem geschliffenen Schwert. Dem Anderen, der der Gegner ist, wird die Strafe aufgezwungen. Und damit das auch wirklich wirkt, muss Blut fliessen. Die Strafe wird rasend ausgeübt: Die Pfeile, die den Gegner treffen, sind trunken von Blut. Gott im Blutrausch? Und das Schwert trifft nicht nur den Mitmenschen, der wieder nur Feind sein kann, nein, das Schwert  frisst sich in dessen Fleisch.

„Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum. Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern“ ( Ps 2, 8-9 ).

Und wieder: Es sind Menschen, die da wie Krüge aus Ton zerschlagen und zertrümmert werden. Menschen sind es, nicht Dinge, Sachen, Gegenstände, nein Menschen.

„So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füsse...Der Herr steht dir zur Seite; er zerschmettert Könige am Tage seines Zornes. Er hält Gericht unter den Völkern, er häuft die Toten, die Häupter zerschmettert er weithin auf Erden“ ( Ps 110, 1f. ).

Der Andere, wiederum nur Feind, wird abermals zum Ding herunterinterpretiert, er wird zum Schemel degradiert. Und abermals werden Menschen zerschmettert, zahlreich, reichlich, so dass sich die Toten häufen.

„Du sollst kein Mitleid in dir aufsteigen lassen“ ( Deut 13, 7 – 12 ).

Bitte, kein Mitleid, so steht es in der Heiligen Schrift, wörtlich. Und genau so soll sie gelesen werden, und das sogar noch nach dem Vaticanum II.



Ein Denkanstoss aus der lesenswerten Arbeit von Herbert Schnädelbach:

Religion in der modernen Welt, Frankfurt/M. 2009, S. 157- 159:

„’Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selbst....Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.’ (2. Kor., 5, 19 und 21 ). Diese Selbstversöhnung Gottes erscheint zudem als ein Rechtshandel, in dem Gott zugleich Gläubiger und Vertreter der Schuldner ist; die Währung ist Blut: ‚Ihr seid teuer erkauft’ ( 1.Kor. 6, 20 ); ‚...nicht mit vergänglichem Silber oder Gold ..., sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.’ ( 1. Petr., 1, 18f. )

Angesichts dieses unbegreiflichen Szenariums möchte man fragen, warum der christliche Gott nicht unter denselben Bedingungen vergeben kann wie der jüdische Gott am Jom-Kippur-Fest, und dies vielleicht auch ohne Opferlamm.

‚Das Blut Jesu Christi ... macht uns rein von aller Sünde’ ( 1. Johannes 1, 7 ) – im deutschen Pietismus und seinen Liedern wurden daraus wahre Blutorgien, in denen unentwegt mit Blut gewaschen wird, aber abgesehen von der Frage, ob Blut ein geeignetes Reinigungsmittel sei, mag das als schlechter Geschmack hingehen.

Seit dem späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert aber ist die christliche Ikonographie eine Welt von ‚Blut und Wunden’. Die Maler und Bildhauer können sich gar nicht genug tun in der möglichst grausigen Darstellung der physischen Leiden Christi und der unzähligen Märtyrer – so als suchten sie sich darin ständig gegenseitig zu übertreffen.

Warum hängt ein sterbender Gehenkter in allen Kirchen und bayrischen Schulstuben und nicht ein Auferstandener? Warum genügt nicht ein Kreuz als das paradoxale Zeichen der Einheit von Niederlage und Sieg, von Erniedrigung und Erhöhung, d.h. wieso müssen christliche Kinder vom ersten Schultag an vor Augen haben, was Kreuzigung physisch bedeutet?

Der Grund ist: Das Christentum kann sich Glaube-Liebe-Hoffnung nicht ohne Blut vorstellen; je blutiger, desto authentischer; woher nähme sonst der von zahlreichen Pfeilen durchbohrte Heilige Sebastian seinen verklärten Blick? Was wäre schon ein siegreicher gegenüber dem gegeisselten Jesus in der Wieskirche?

Sicher wäre es überzogen, diese Bilderwelt mit den Gewaltvideos unserer Tage zu vergleichen; die Vermutung aber, dies alles habe auch der mentalen Vorbereitung auf die Grausamkeiten im Namen Christi gedient, lässt sich nur schwer abweisen.

Die antike Rechtspraxis der Folter wurde schliesslich von Papst Innozenz III. im 11. Jahrhundert in Europa wieder eingeführt und erlebte durch die Heilige Inquisition ihre perfide Vollendung.

Was waren da schon die Leiden der Gefolterten gegenüber den in den Kirchen dargestellten, wobei es sich ja zudem einmal um Verdächtige und zum anderen um Heilige handelte? Wo immer realistischere Kruzifixe zum optischen Alltag der Städte gehörten, konnten Geräderte vor den Toren langsam verenden, ohne besonders zu irritieren.

Es ist nicht bekannt, dass das verfasste Christentum führend gewesen sei bei der Humanisierung der Strafjustiz seit dem späten 18. Jahrhundert; die letzte Schauhinrichtung in Europa veranlasste Papst Leo XII. 1825 in Rom.


Waren die Passionsgeschichte und die Märtyrerlegenden nicht ausserdem die beste Einübung in die christliche Behandlung der Heiden und Ketzer? Immer noch wird uns zugemutet zu glauben, der Beitrag des Christentums zu unserer Kultur habe vor allem in der Humanisierung der heidnischen Menschen bestanden. Diese Fabel bestimmte auch über Jahrhunderte die Vorstellung christlicher Erziehung als einer Zähmung der als Sünder geborenen kleinen Wilden und musste überdies zur Rechtfertigung des Kolonialismus herhalten.

In Wahrheit ist nicht bekannt, dass Kelten, Germanen oder Slawen Gräuel vom Ausmass des Massenmords Karls des Grossen an den Sachsen, des Blutbads bei der Eroberung Jerusalems während der Kreuzzüge, des Strafgerichts über die Katharer oder der Untaten der südamerikanischen Eroberer begangen hätten; wenn das alles die Domestikation der ‚blonden Bestie’ bezeugen soll, dann bezeugt es deren Misslingen.

Tatsächlich stammen die Ritterlichkeit der Ritter aus der islamischen Welt und die Höflichkeit der Höflinge, d.h. des Adels und des aufsteigenden Bürgertums, aus der Wiederaneignung der Antike in der Renaissance. Hier liegen die Wurzeln des Humanismus, dem noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts alle katholischen Amtsträger im sogenannten Anti-Modernismus-Eid abschwören mussten.

Das zeigt: Nicht nur den Menschenrechten ohne die Kautelen der Erbsünde, sondern auch der Menschlichkeit als Prinzip, unabhängig von irgendwelchen theologischen Vorbehalten, setzte das Christentum oft tödliche Widerstände entgegen; die Geschichte der Märtyrer des Humanismus ist wohl noch zu schreiben.“

Literatur

Herbert Schnädelbach: Religion in der modernen Welt, 2009
Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben, 1997
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Bd.1-8. CD-ROM-Version, Digitale Bibliothek, Directmedia, 2005
Wolfgang Sternstein: Gandhi und Jesus, Gütersloh 2009



Zusammengestellt von Peter Kern



 


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