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Chancen einer „Ökologische Selbstbegrenzung“ als nachhaltige Zukunftssicherung:

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Auf der Suche nach neuen Wohlstandsmodellen einer
„sustainable society“

„Nachhaltigkeit“/„sustainability“:
Ein inflationärer Gebrauch eines zukunftssichernden Begriffs?

Der aus der Forstwirtschaft abgeleitete und dann in der Ökologiedebatte emphatisch gebrauchte Begriff der „Nachhaltigkeit wird inzwischen inflationär gehandhabt. Nachhaltige Forstwirtschaft meint, dass abgeholzte Wälder so wieder aufzuforsten sind, dass der Baumbestand insgesamt erhalten bleibt; dass der Waldbestand also zukunftssicher ist. Nachhaltiger Umgang mit der Natur meint dementsprechend etwa bei regenerierbaren Ressourcen jenen die Natur schonenden Umgang, der den Zukunftsbestand eben dieser Ressourcen sichert.

Wenn demgegenüber heute auch davon gesprochen wird, dass eine Firma ihren ökonomischen Erfolg durch „nachhaltige Reduktion von Personalkosten“ gewährleisten will, dann hat das mit der gattungsgeschichtlichen Zukunftssicherung durch Nachhaltigkeit nichts mehr zu tun. Auch die Rede von „nachhaltigen Finanzgeschäften“ wird im Blick auf die Ursprungsbedeutung problematisch, erst recht ein Tourismusangebot für einen „nachhaltigen Flug“ auf die Malediven.

Wer also nachhaltige Investitionen nur in seine persönliche, firmenbezogene, ja auch nur nationalwirtschaftliche Zukunftssicherung vornimmt, bleibt befangen in den Partikularinteressen seines nur ökonomischen Wohlstandes und übersieht die überlebensnotwendige Wahrnehmung des Gesamtinteresses der Lebenssicherung auf diesem Globus. Ökonomisch pfiffige nachhaltige Investitionen können auf diese Weise sogar kontraproduktiv für jene umgreifenden materiellen wie spirituellen Investitionen in eine wirklich zukunftsfähige Nachhaltigkeit sein.


Zukunftssicherung durch das Drei-Säulen-Modell:
ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit

Nachhaltige Entwicklung ist also in ihrer ökologischen Bedeutung eine „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ ( Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987 ). Das Ziel einer so gedeuteten Nachhaltigkeit wurde beispielsweise durch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“, 1998, so präzisiert:

„Sicherstellung und Verbesserung ökologischer, ökonomischer und sozialer Leistungsfähigkeiten“.

Daraus lässt sich, sehr anspruchsvoll, so etwas wie ein Kategorischer Imperativ für eine nachhaltige Lebensweise formulieren:

„Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns nicht zerstörerisch sind für würdiges menschliches Leben (anthropozentrische Pflichten-Ethik ), tierisches und pflanzliches Leben
( Fernen-Ethik ) und für die Permanenz dieser Lebensformen ( Zukunfts-Ethik ).

Konkret wird dieser Kategorische Imperativ der Nachhaltigkeit in einer Doppelforderung nach intergenerationaler und intragenerationaler Gerechtigkeit.

  1. Intergenerationale Gerechtigkeit meint, dass mehr Wohlstand heute nicht zu Lasten künftiger Generationen gehen darf und intragenerationale Gerechtigkeit heisst, dass  angesichts des hohen Wohlstands der Wenigen die Forderung nach der Sicherung der Grundbedürfnisse der Ärmsten ( „Armutslinderung“ ) Vorrang zu haben hat.
  2. Eine nachhaltige Gesellschaft wäre also eine solche, deren Produktionsformen und Konsumhaltungen, kurz: deren Wohlstandsmodelle so gestaltet wären, dass ein "Leben der Einzelnen in Würde" und das "Überleben der Gattung Mensch" mit der sie tragenden Natur zukunftsfähig blieben.


Wie kommen wir zu einer derart notwendigen, die Not wendenden „sustainable society“?

Auf dieses Ziel hin bewegen sich konkurrierende Deutungen von Nachhaltigkeit. Man will die Zukunftsfähigkeit des Lebens überhaupt sichern - entweder durch eine „ökologische Modernisierung“  oder durch eine „strukturelle Ökologisierung“.



Zielerreichung durch „ökologische Modernisierung

Bei der ökologischen Modernisierung steht die Effizienzoptimierung im Zentrum der Überlegungen. Eine Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz soll  durch immer intensivere Wachstumsraten bei der technischen Effizienzsteigerung erreicht werden. Wenn man sich aber nur auf die diesem Ansatz zugrundeliegende instrumentelle Rationalität verlässt, dann treibt man letztlich nur ein weiterhin krankmachendes Krisenmanagement. Man steigert immer mehr die Mittel gegen die drohenden Übel, bis diese Mittel in keinem sinnvollen Verhältnis zu ihren ursprünglichen Zwecken mehr stehen. Die Tücke der jeweils „verbesserten“ Objekte holt uns unaufhaltsam ein. Man bekämpft Energiemangel durch Energieplanungen, in denen die Ersparnis stets weniger ausmacht als die Erschliessung neuer Energiequellen, man begegnet dem Bevölkerungswachstum und der Arbeitslosigkeit mit weiterem Wirtschaftswachstum, der Umweltschädigung mit Umwelttechnik, der Gewalt mit Kontrolle, dem Krieg mit Abschreckungsrüstung, den psychischen Störungen mit Psychoanalyse, Massenpädagogik und schliesslich mit Polizei.

Die jeweiligen Mittel fressen also ihren Zweck. Wir laborieren so nur an Symptomen, heilen aber nicht wirklich.

Die nur Effizienz optimierende Fortschreibung ökonomistischer Rationalität bleibt unzureichend, um eine nachhaltige Lebensweise zu gestalten. Effizienzoptimierung strebt keine Veränderung der herrschenden Ziele an: Wirtschaftsweise und Lebensstile sollen nicht in ihrer Zielrichtung verändert werden, diese sollen lediglich mit geringerem Durchsatz an Ressourcen verbunden sein. Die Trennung von Mittel und Zweck und die einseitige Konzentration auf die Mittel zeigt, nach Carl Friedrich von Weizsäcker, dass die moderne und postmoderne Kultur in ihrer gegenwärtigen Entwicklungsphase eine Kultur ohne Weisheit, ohne Vernunft sei. Letztlich wird dieser Mangel an Weisheit, an Vernunft darin anschaulich, dass die Effizienzstrategie der ökologischen Modernisierung die prinzipiellen Grenzen des Naturhaushaltes nicht anerkennt, sondern für verschiebbar hält.


Zielerreichung durch „strukturelle Ökologisierung“ ( vgl. auch: Tiefenökologie )


Ganz anders ist der Ansatz der strukturellen Ökologie. Hier werden die Zwecke selbst thematisiert: Was brauchen wir wirklich für ein gelingendes Leben, das zugleich für die Gattung und die sie tragende Natur zukunftsfähig ist? Es geht jetzt um eine Suffizienzrevolution. Diese Suffizienzstrategie impliziert immer auch einen grundlegenden Bewusstseinswandel des Einzelnen und einen ebenso grundlegenden Strukturwandel der Gesellschaft. Zunächst einmal werden die definitiven Grenzen für den anthropogenen Umweltverbrauch anerkannt. Das führt zu der nicht widerlegbaren schmerzlichen Einsicht, dass das Wohlstandsmodell der reichen Länder aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht zukunftsfähig ist, denn der Ressourcenverbrauch der Reichen ist nur um den tödlichen Preis verallgemeinerungsfähig, dass es zum Kollaps des Haushalts der Natur kommt. ( Vgl. in diesem Zusammenhang die internationale Diskussion zum Thema „Umweltraum“, u.a. am Beispiel der Co/2-Emissionen. )

Wirtschaften, heisst „Lebensqualität“ gestalten. Was aber heisst Lebens-„Qualität“?

Ermöglichen die Wohlstandsmodelle der reichen Länder, die unter den Bedingungen der ökonomischen Globalisierung bereitgestellt werden, Lebens-„Qualität“?

Wenn wir Lebensqualität als ein berechenbares Phänomen luxurierender Mengenzuwächse interpretieren, dann ist die Frage mit Ja zu beantworten.  Das gilt dann zumindest für die vergleichsweise wenigen Reichen auf dieser Erde. Doch welches Bild vom Menschen wird hier favorisiert? Kann unter den Bedingungen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche Leben überhaupt noch gelingen? Diese Frage ist wahrlich nicht aus einem Neidkomplex der Zurkurzgekommenen heraus gestellt. Sie knüpft vielmehr an Glücksvorstellungen an, die ganz offensichtlich nicht mit materiellen Wachstumszuwächsen befriedigt werden können.

Die Wohlstandsmodelle der reichen Nationen sind also aus zwei Gründen kein Massstab für Nachhaltigkeit: erstens, weil der Haushalt der Natur den dann fälligen Ressourcenverbrauch in gar keiner Weise verkraften würde, und zweitens, weil diese Wohlstandsmodelle selbst dem Menschen letztlich gar nicht bekömmlich sind.

Strukturelle Ökologisierung fragt also immer auch nach neuen Wohlstandsmodellen.

Können wir gut leben, ohne viel haben zu müssen?

Hier ist man auf der Suche nach sich selbst beschränkenden Wohlstandsmodellen, nach einem ressourcenleichten Wohlstand. Ziel ist jetzt nicht, mehr haben zu wollen unter effizienzoptimierten Produktions- und Konsumbedingungen, sondern eine ökologische Abrüstung ( „Reichtumslinderung“ ).

Es geht um ökologische Selbstbegrenzung.

Natürliches „Wachstum“ vollzieht sich organisch. Die Grenze dieses Wachstums ist durch Mutation und Selektion bestimmt. Das Gleichgewicht der Natur bleibt gewahrt. Das ändert sich durch den Menschen. Beim Menschen sind die ererbten Naturregelungen durch Sprache und Verstand aus der Bahn geraten. Die verloren gegangene natürliche Verhaltensregulierung wird durch diejenige der Gesellschaft ersetzt. Als Werk der Gesellschaft wird der Mensch im Laufe seiner Geschichte so mächtig, dass er dem Selektionsdruck durch die ihn umgebende Natur nicht mehr ausgesetzt ist. Es kommt nicht mehr zu nur natürlichen Wachstumsprozessen, sondern zu anthropogen gemachten Wucherungsprozessen. Sollen diese nicht tödlich wirken, muss an die Stelle der natürlichen Begrenzung nun die Selbstbegrenzung aus ökologischer Weisheit, Vernunft treten. Ohne diese weise, vernünftige Selbstbegrenzung wird der Mensch sich selbst und die ihn tragende Natur zugrunde richten.

Es geht also um Einsicht ( „logos“ ) in den Haushalt der Natur und des Menschen in ihr, d.h. in die Bedürftigkeit aller beteiligten Lebewesen und ihr wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein ( „oikos“ ). Um diesen Haushalt der Natur zu bewahren, ja zu pflegen, ist die Zurücknahme der unnatürlichen Wucherungsprozesse auf das dem Menschen zukommende Mass erforderlich ( „Begrenzung“ ), eine Zurücknahme, die solange sie nur durch Herrschaft erzwungen wird, instabil bleibt, letztlich also auf die Vernunft möglichst vieler Einzelner angewiesen ist ( „Selbst-„ ).

„Ökologische Selbstbegrenzung“ verweist – normativ – darauf, wie wir leben sollen: „small“. Indem wir diese Norm befolgen, werden wir unserer ranghöheren Bedürfnisse innewerden und – eudämonistisch – erfahren, wie wir leben können: „beautiful“.

Damit ist die philosophisch-anthropologische Grundlage für neue Lebensstile und neue Wohlstandsmodelle skizziert, für Modelle, die bei ihrer Umsetzung eine wirklich nachhaltige Gesellschaft ermöglichten. Dass dazu auch Einsichten der ökologischen Modernisierung mit ihrer Effizienzoptimierung integrativ hinzugehören, macht die Interdisziplinarität dieses Ansatzes aus. Eine nachhaltige Entwicklung braucht beides: Erstens eine technische Effizienzstrategie bei den Einsatzstoffen und Produktionsverfahren und zweitens eine gesellschaftliche Suffizienzrevolution mit entsprechenden Veränderungen der Einstellungen und Verhaltensweisen der Einzelnen.

Mit dem Erreichen solcher zukunftsfähiger Lebensstile verlassen wir das Zeitalter einer zynischen Postmoderne und treten in eine Neomoderne ein, die das alte Projekt Moderne unter den Bedingungen der Zukunftsfähigkeit zum Abschluss bringt.

Um Missverständnissen vorzubeugen, noch dieses:
Sustainable society heisst nicht Askese. Im Gegenteil.

Die Attraktivität der Suffiziensstrategie wird erst anschaulich, wenn der Bewusstseinswandel von der furchtgetriebenen und verstandgesteuerten Machtkonkurrenz zur vernunftgeleiteten Solidarität aus „Liebe“ zu allem Seienden gelungen ist. Natur ist dann nicht länger ein Steinbruch für die materielle Wohlstandsoptimierung der Menschen, sondern sie wird – endlich wieder – in ihrem Eigenwert wahrgenommen und respektiert. Hier ereignet sich ein Rückbezug in prämodernes Denken.

Wir Menschen machen die existenztragende Erfahrung, dass „Weniger“ „Mehr“ ist!

Es geht dann konkret darum, dass ich mich vom Primat der Maximierung des Güter-Wohlstandes verabschiede, um einen Zeit-Wohlstand zu erstreben, aus dem heraus mir ein gelingendes Lebens erst wirklich möglich wird.

Strukturelle Ökologisierung geht uns alle an. Wenn wir als Menschheit zukunftsfähig bleiben wollen, haben wir eine ökologisch gegründete Weltbürgergesellschaft aufzubauen. Das heisst aber auch, dass es zu einer ökologischen Umgestaltung der vorherrschenden Produktions- und Konsummuster kommen muss. Insofern hat die hier geführte Lebensstildebatte auch etwas Subversives an sich. Wahrscheinlich haben wir uns von der illusionären Vision eines ökologisch „sauberen“ Kapitalismus angesichts der Herrschaftsverhältnisse der bestehenden Weltwirtschaftsordnung zu verabschieden.

Zum Abschluss noch einmal der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker: Zum hier diskutierten überlebensnotwendigen Bewusstseinswandel „gehört ein tiefer Schreck, dem man, wenn er einmal geschehen ist, nicht mehr entlaufen kann.“

Literatur

Michael Kalff: Zukunft gewinnen angesichts globaler Krisen, 1999

Peter Kern

 


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