• Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Berufliche Weiterbildung / Erwachsenenbildung und menschliche Existenz

E-Mail Drucken PDF








Berufliche Weiterbildung / Erwachsenenbildung und menschliche Existenz


Im Bereich der Erwachsenenbildung ist ein erstaunlicher Tatbestand zu bedenken: der Widerspruch zwischen Ausbildungs-Ansprüchen und Bildungs-Bedürfnissen gegenüber den Institutionen der Erwachsenenbildung. Ausbildungsansprüche werden aus der Sicht der Bevölkerung zum Beispiel gegenüber den Aufgaben der Fort- und Weiterbildung vor allem in der Vermittlung fachlicher Kenntnisse und Fähigkeiten gesehen; es geht insbesondere um berufliche Ausbildung und Weiterbildung. Bildungsbedürfnisse werden demgegenüber als Defizite erfahren, die vor allem in ausserberuflichen Lebensbereichen bewusst werden; es geht hier um die immer allgemeiner werdende Erfahrung einer Hoffnungs-  und Perspektivenlosigkeit, die bereits vielfältig unter dem Stichwort „Sinnkrise“ diskutiert wird.

Zerbrechende Deutungsmuster

Wir spüren zunehmend, dass wir auch in unseren westlichen Demokratien versagen vor dem Anspruch, demokratisch zu existieren. Wir versagen vor den Problemen der sprunghaft anwachsenden Weltbevölkerung, vor den Aufgaben gegenüber den Umweltzerstörungen durch Verpestung der Luft, Verseuchung des Wassers und des Bodens, vor den Anforderungen gegenüber unkontrolliert ablaufenden, scheinbar zwangsläufigen Wirtschaftsprozessen, vor den Herausforderungen durch verstärkte und anhaltende Eingriffe in den menschlichen Bios und seine Psyche, und wir versagen vor dem Widersinn der jährlichen Milliardenbeträge für ein einsatzbereites, auch atomares Zerstörungspotential.


Angesichts konkreter widersprüchlicher Erfahrungen in unserer hoch industrialisierten Gesellschaft zerbrechen für viele die altvertrauten Deutungs-  und Interpretationsmuster. Das Weltbild des humanistisch-christlichen Abendlandes mit seinen subtilen Vorstellungen einer altruistischen Moral wird angesichts von Herrschaftskonformität, Konkurrenzdruck und Karrierismus gelegentlich mehr als fragwürdig. Der private Tanz um das Goldene Kalb von Einkommen und Fortkommen, Macht und Geltung, um bedingungsloses Streben nach Daseins-Sicherheit und Daseins-Genuss lassen den Einzelnen nicht selten zum Zyniker werden.

Bildung als dienstbares Organ

Wer legitimiert welchen Sinn des Lebens angesichts konkurrierender Entwürfe über Mensch, Welt und Gott? Wir kennen diese strukturell verschiedenen Entwürfe, Deutungen des Menschen als humanistische und christliche, als östlich-marxistische und neomarxistische, als Auffassungen von Psychoanalytikern, Behavioristen und Neobehavioristen, vereinzelt noch als Entwürfe eines modernen Existentialismus usw. usw.

Die Frage, die angesichts dieser Vielzahl der Selbst- und Weltdeutungen des Menschen den Erwachsenen heute zunehmend bewegt, lautet: Welches der konkurrierenden Selbstverständnisse vom Menschen ist das wahre, das sachlich Zutreffende? Welches enthält Mass und Anspruch für eine befriedetere und gerechtere Zukunft für alle?

Im Hinblick auf die Forderung, Erwachsenenbildung sei vor allem berufliche Weiterbildung in den Bereichen wissenschaftsorientierten „Wissens“ und technisch perfektionierten „Könnens“, könnte möglicherweise ein Mangel an wirklicher „Bildung“ sichtbar werden, ein Mangel an „Bildung“, die die „demokratische Existenz“ erst ermöglichen würde.

Wer nur noch um Ausbildung und berufliche Weiterbildung bemüht ist, der fragt nicht mehr nach der Beziehung zwischen der Bildung des Menschen und seiner geschichtlichen Lebenserfahrung. Bildung erscheint dann nur noch als dienstbares Organ, als Instrument in unserem geschichtlichen Dasein. Bildung wird dann nur noch als verwertbares Produkt im ökonomisch technischen und politisch rechtlichen Bereich aufgefasst.

Inwiefern Bildung auch die Ansprüche existentieller Freiheit umgreift, wird nicht mehr diskutiert. Diese - neben Wissenschaft/Technik und Demokratie - dritte Wurzel der abendländischen Kultur ist aus dem Blick geraten. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ ( Luther ) bzw. der Mensch als humanes „Werk seiner selbst“ ( Johann Heinrich Pestalozzi ) erscheinen in den modernen Konzeptionen von Mensch und Gesellschaft bestenfalls als Ideologien, die die Frage überhaupt nicht mehr ermöglichen, inwiefern eine in solcher existentieller Freiheit gegründete Bildung erst ein Schlüssel positiver menschlicher Zukunft sein konnte. Folglich kann man auch nicht sehen, dass ein Mangel dieser Bildung mit eine zentrale Bedingung der Möglichkeit für Prozesse individueller Miseren und kollektiver Katastrophen ist.

Trotz hoher Ausbildung in den Bereichen von „Wissen“ und „Können“ und trotz verfassungsrechtlich garantierter grosser rechtsstaatlicher Liberalität bleibt der Einzelne nicht selten in seinem Personsein „unfrei“; er lebt zwar in seiner Demokratie, aber er bewährt sich in ihr viel zu selten als „demokratische Existenz“, als eine Person, die aus dem Ursprung der existentiellen Freiheit lebt.

Quelle des "Bösen"

Bereits Pestalozzi urteilte über den solchermassen anthropologisch „unfreien“ Menschen: Er lebe im „Elend der Lieblosigkeit“. In der Vielzahl der Lebensbeziehungen wird dieser unfreie Mensch - so sieht es Pestalozzi - zur Quelle des Bösen.

Im Hinblick auf seine Erkenntnisleistungen, seine Wissenschaften, gilt dann, dass sie dort wo sie nicht um der Wahrheit willen betrieben werden, sondern in pragmatischer Absicht, im Kampf aller gegen alle, den Menschen gefährden und zerstören.

Im Hinblick auf das Besitzstreben, auf das Eigentum, gilt dann, dass es zu „Pandorens Büchse“ wird, „aus der alle Übel der Welt entspringen“, wenn dieses Eigentum in der Hand unfreier Menschen ist; denn die „Reichen“ häufen täglich ihre „Fonds“ auf eine Weise, „die die Welt mit elenden, tief verdorbenen Menschen voll macht“.

Im Hinblick auf das Geltungsstreben, den „Trieb zur Auszeichnung“, gilt dann, dass er den „tierischen“, unfreien Menschen dahin führe, „dass er die Schleppe seines Kleides... mehr achte als sich selber“, dass er „für Brandtwein, Glaskorallen und Bänder sein eigen Geschlecht für einen jeden totschlägt“.

Im Hinblick auf das Machtstreben gilt für den unfreien Menschen, dass er den Nächsten als blosses „Mittel zur Befriedigung seines Tiersinnes“ ansieht.

Der Anthropologie Pestalozzis wären also bedeutsame Kategorien auch für den Entwurf und die Verwirklichung einer zeitgemässen Erwachsenenbildung zu entnehmen.

Bildung und existentielle Grundprobleme

Erwachsenenbildung, sofern sie mehr sein will als berufliche Weiterbildung, wird sich in Zukunft verstärkt auch der existentiellen Grundprobleme unserer Zeit annehmen müssen, der vielfältigen Krisen-Erfahrungen, die alle in einem tiefgreifenden Sinn-Verlust anschaulich werden. Dabei wird es u. a. darauf ankommen, motivational und methodisch an den widersprüchlichen Erfahrungen der Einzelnen anzuknüpfen, an Erfahrungen, die im allgemeinen Lebensprozess und darin konkret auch im Arbeitsprozess immer wieder gemacht werden. Erwachsenenbildung ohne Aufarbeitung der existentiellen Grunderfahrungen unserer Zeit bleibt dysfunktional im Hinblick auf eine befriedetere und humanere Zukunft sowohl der individuellen als auch der kollektiven Existenzen. Das gilt auch für die berufliche Weiterbildung.

Die aktuelle Bildungspolitik ist allerdings von solchen Einsichten meilenweit entfernt – zum Schaden für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Peter Kern


 


Zufällig ausgewählte Glosse

Wie sinnlos ist das Universum?