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Bedürfnisse – Begehrungen

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Bedürfnisse - Begehrungen


Wir begehren immerfort dies und jenes. Doch nicht alles, das wir begehren, brauchen wir wirklich, haben wir wirklich nötig: Nicht jedes Begehren entspricht einem Bedürfnis.

Wir begehren mancherlei, dessen wir nicht bedürfen.
Wir bedürfen mancherlei, das wir gar nicht erst begehren.

Wenn das Begehren einem wahren Bedürfnis entspricht, dann ist es berechtigt.

Begehrungen, deren Befriedigung der Eudämonie ( Glückseligkeit ) beraubt,
entsprechen nicht unserer wahren Bedürftigkeit.

Begehrungen werden durch Werbung,  durch ein Klima des jeweiligen Zeitgeistes, durch Trends erzeugt.

Es gibt eine verhängnisvolle Dialektik von Begehrungen und kapitalistischem Wirtschaftssystem: Wir begehren ruhelos materiellen Wohlstand – bedürftig sind wir dagegen der Ruhe der Seele.

Drei Denkanstösse dazu:

Gelassenheit zu den Dingen:

Heidegger: Gelassenheit, Pfullingen 1959, in 14. Aufl. 2008
Für Heidegger erwacht die Gelassenheit, "wenn unser Wesen zugelassen ist, sich auf das einzulassen, was nicht ein Wollen ist." Es geht um eine „Gelassenheit zu den Dingen“ und um eine „Offenheit für das Geheimnis“. Beides ist nicht durch das berechnende Denken der heute vorherrschenden Wissenschaft zu erreichen, nur durch das „herzhafte“ besinnende Denken, das wir unter Anstrengungen einzuüben haben.

Los-Lassen-Können:

Carl Friedrich von Weizsäcker: Gehen wir einer asketische Weltkultur entgegen? In: ders.: Deutlichkeit, 1978. v. Weizsäcker fragt nach dem Grund unserer Unfähigkeit, mit den politischen und technischen Instrumenten vernünftig umgehen zu können. Er sieht den „Grund des Versagens im zügellosen Verfolgen ökonomischer Ziele, im unbegrenzten, ja sogar ideologisch geforderten Wirtschaftswachstum“. Wir sollten nicht mehr begehren, als wir für ein gelingendes Leben benötigen.

Small is beautiful:

Ernst Friedrich Schumacher: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Alternativen für Wirtschaft und Technik, Reinbek 1977. Schumacher urteilt, dass es heute am nötigsten sei, die Ziele zu überprüfen, denen die Mittel von Wissenschaft und Technik dienen. „Das bedingt aber vor allem die Entwicklung einer Lebensweise, die den materiellen Dingen ihren angemessenen und rechtmässigen Platz zuordnet. Dieser ist zweitrangig und nicht erstrangig.“.

Diese Denkanstösse stammen aus den Jahren 1959, 1977 und 1978.
Den wirtschaftlichen Wucherungsprozessen konnte bisher nicht Einhalt geboten werden.

2010 sind wir immer noch ihre Opfer.

Was kann der Einzelne tun, um den Verführungen der Begehrungen zu entgehen?

„Jeder von uns kann darauf hinarbeiten, dass sein inneres Haus in Ordnung gebracht wird. Die Führung, die uns bei dieser Aufgabe hilft, lässt sich nicht in der Wissenschaft oder Technik finden, deren Werte völlig von den Zielen abhängen, denen sie dienen. Sie lässt sich aber noch immer in der herkömmlichen Weisheit der Menschheit finden“ ( Schumacher 1977, S.267 ).

Das ist zunächst einmal ein Rat an die Reichen, nicht an die Ausgegrenzten und Armen, die im Elend leben. In aller Regel dürften wir, im Weltmass-Stab geurteilt, in Europa zu den Reichen gehören.

Wollen wir zukunftsfähig leben, dann gilt: Weniger ist mehr.

Wir müssen lernen, in ökologischer Selbstbegrenzung zu leben.

„Es geht also um die Einsicht ( „logos“ ) in den Haushalt der Natur und des Menschen in ihr, d.h. in die Bedürftigkeit aller beteiligten Lebewesen und ihr wechselseitiges Aufeinanderangewiesensein ( „oikos“ ). Um diesen Haushalt der Natur zu bewahren, ja zu pflegen, ist die Zurücknahme der unnatürlichen Wucherungsprozesse auf das dem Menschen zukommende Mass erforderlich ( „Begrenzung“), eine Zurücknahme, die, solange sie nur durch Herrschaft erzwungen wird, instabil bleibt, letztlich also auf die Vernunft möglichst vieler Einzelner angewiesen ist ( „Selbst- ): Ökologische Selbstbegrenzung.

„Ökologische Selbstbegrenzung“ verweist – normativ – darauf, „wie wir leben sollen“: „small“. Indem wir dieser Norm folgen, werden wir unserer ranghöheren Bedürfnisse innewerden und – eudämonistisch – erfahren, „wie wir leben können“: „beautiful“.

Literatur

Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter. Wege zu innovativem Lernen angesichts der Ökokrise, 1984 in 2. erw. Aufl.

     Peter Kern


 


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