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Anthropologischer Dreischritt

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Anthropologischer Dreischritt


In seiner physischen Gestalt ist jeder Mensch ein „Werk der Natur“. Als solches ist er ausgestattet mit all jenen tiefenseelischen Antrieben, die zur Erhaltung und Sicherung seines Lebens unabdingbar sind ( Hunger, Durst, Sexualität usw.). Aber auch seine geistigen Funktionsweisen sind abhängig von seiner physischen Gestalt und basieren auf seiner naturhaft genetischen Ausstattung. Diese Ausstattung des je einzelnen Menschen im „Werk der Natur“ ist graduell durchaus verschieden. Es gibt deutliche Unterschiede in physischer Hinsicht aber auch hinsichtlich der Intensität der tiefenseelischen Antriebskräfte und im Hinblick auf die Begabung im Bereich der geistigen Funktionsweisen des Einzelnen. Diese Unterschiedlichkeit der Menschen im „Werk der Natur“ hat Auswirkungen auf den Bildungsprozess, d.h. auf die Bildung der seelisch-geistigen Struktur der Person. Insoweit ist der Mensch im Bildungsprozess immer ein „Werk der Natur“.


Der Mensch ist ein Lebewesen, das auf die Dauer nur im Bezug zu anderen Menschen lebensfähig ist. Zur Bewältigung der Aufgaben, die sich mit seinem Dasein stellen, ist er auf die Gruppe und deren Kultur angewiesen. Menschliches Dasein ist nur in sozialer, gesellschaftlicher Weise möglich. Neben den naturhaften, auf die Erhaltung seiner selbst gerichteten Bedürfnissen entspringen aus der gesellschaftlichen Seinsweise zusätzliche tiefenseelische Antriebe wie etwa das Streben nach Anerkennung, Geltung oder Macht. Gleichzeitig verlangt das Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen aber vom Einzelnen, u. U. die Befriedigung seiner individuellen naturhaften Antriebe und Bedürfnisse, mit denen er als „Werk der Natur“ ausgestattet ist, zu kontrollieren und gegebenenfalls zu Gunsten der Gruppe zurückzustellen oder auszusetzen.

Zu dieser Kontrolle seiner tiefenseelischen Antriebe wird der Mensch durch die Ausbildung seiner geistigen Funktionsweisen fähig. Diese Ausbildung der im „Werk der Natur“ angelegten geistigen Funktionsweisen ist nur in der menschlichen Gemeinschaft auf der Grundlage der jeweiligen Kultur der Gruppe möglich. Die seelisch-geistige Struktur der Person erfährt im „Werk der Gesellschaft“ also einerseits eine Erweiterung ( zusätzliche tiefenseelische Antriebe ). Andererseits eröffnet die Ausbildung der geistigen Funktionsweisen bzw. die damit verbundene Möglichkeit zur Reflexion und Stellungnahme zu den tiefenseelischen Antrieben die Möglichkeit zur Gestaltung der seelisch-geistigen Struktur der Person ( als bipolares Gefüge ) im Bildungsprozess. Die geistigen Funktionsweisen stehen aber zunächst immer noch ausschliesslich im Dienste der Daseinserhaltung und Daseinssicherung; wenn nun auch nicht mehr in erster Linie im Hinblick auf den Einzelnen, sondern eher im Hinblick auf die gesamte Gruppe. Der Mensch bzw. seine seelisch-geistige Struktur ist also nicht nur „Werk der Natur“, sondern immer auch „Werk der Gesellschaft“.


Die als „Werk der Natur“ gegebene Ausstattung mit geistigen Funktionsweisen und deren Ausbildung als „Werk der Gesellschaft“ ermöglicht dem Menschen eine Reflexion, in der er einerseits seiner Bestimmtheit durch Einflüsse seiner naturhaften Ausstattung und seiner gesellschaftliche Daseinsweise gewahr wird, die ihm andererseits aber auch die Möglichkeit eröffnet, zu diesen Einflüssen bzw. den daraus resultierenden Antrieben Stellung zu nehmen. Im Entschliessen und Handeln kann der Mensch sich entweder von seinen naturhaften und gesellschaftlich bedingten Antrieben, Begehrungen und Anforderungen leiten lassen ( so lange bleibt er „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“ ), oder aber er kann in „Akten echter Selbstwahl“ unbedingten Ansprüchen, Imperativen folgen. Gelingt ihm dies, so wird er als Person zum „Werk seiner selbst“.

Im „Werk seiner selbst“ sind seine geistigen Funktionsweisen nicht länger blosse Instrumente zur Befriedigung der naturhaften und gesellschaftlich bedingten Antriebe und Bedürfnisse/Begehrungen und somit diesen dienstbar, sondern der Mensch wird geistig frei; er lebt dann aus der „Freiheit der Person“ (vgl. Hans Wittig: Freiheit der Person, 1969).

Seine von der Aufgabe der blossen Daseinserhaltung und Daseinssicherung zeitweilig befreiten geistigen Funktionsweisen ermöglichen ihm das Wahrnehmen und Verwirklichen unbedingter Ansprüche. Die seelisch-geistige Struktur der Person, die sich daraus im Bildungsprozess als „Werk seiner selbst“ ergibt, unterscheidet sich somit fundamental von der eines Menschen als „Werk der Natur“ und „Werk der Gesellschaft“.


Ein mögliches Missverständnis ist beim Gebrauch der Formel „Werk seiner selbst“ zu vermeiden. Man könnte aufgrund der sprachlichen Formulierung an eine egoistische Selbstermächtigung denken. Das Gegenteil ist jedoch gemeint: "Werk seiner selbst" zielt auf eine normative Rückbindung aus freier Wahl.

Geschichtlich trat die Erfahrung der ethischen Substanz des „Werkes seiner selbst“ in der Prämoderne in Erscheinung. Karl Jaspers nennt sie deshalb auch die „Achsenzeit“ der Weltgeschichte. Es ist die Achse, die die menschliche Geschichte trennt von Zeiten, in denen der Einzelne nur als Angst-motiviertes „Werk der Natur“ und Selbstsorge-motiviertes „Werk der Gesellschaft“ zu leben vermochte. Seit der Achsenzeit ist der Menschheit prinzipiell die Erfahrung unbedingter Imperative möglich. Prämodern wurden sie metaphysisch-theozentrisch  gedeutet, modern hat man, bisher noch unzureichend, versucht, sie innerweltlich-anthropozentrisch zu verstehen und zu verwirklichen.

In der Postmoderne missversteht man sie als autoritären Oktroi. Wollen wir als Gattung überleben und als Einzelne in Würde leben, dann haben wir uns in einer noch zu etablierenden Neomoderne diese unbedingten Imperative aus der Achsenzeit durch Emporbildung anzueignen.


"Liebe" im Horizont des anthropologischen Dreischritts:

Anthropo-biologische Betrachtungsweise (Werk der Natur): Sexualität

Historisch-gesellschaftliche Betrachtungsweise (Werk der Gesellschaft): Eros

Eigentlich menschliche Betrachtungsweise (Werk seiner selbst): "Liebe" als "Agape" (griechische Tradition), als "Caritas" (christliche Tradition).



    Literatur

   Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Notwendige Bildung, 1985

   Peter Kern



 


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