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Angst und Furcht

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Angst und Furcht


Oft werden die Begriffe „Angst“ und „Furcht“ im Sprachgebrauch nicht getrennt. Bestenfalls braucht man diese Begriffe etwa in der Weise Kants, der lediglich Grade der Erregungsintensität unterscheidet: „Bangigkeit, Angst, Grauen und Entsetzen sind Grade der Furcht, d.i. des Abscheues vor Gefahr“. Die Erregungsintensität wird in dieser Kette von Substantiven als immer stärker werdend gedacht; Furcht erscheint als der oberste Sammelbegriff.

Im Umfeld des Hauses-des-Verstehens  habe ich die Unterscheidung moderner Autoren aufgenommen: „Furcht“ ermöglicht mir zu sagen, was mich in Furcht versetzt; ich kenne das Objekt, vor dem ich mich fürchte. Bei der „Angst“ dagegen ist der „Gegenstand“, also das, was mich ängstigt, nicht zu bezeichnen.

Der Mensch findet sich immer vor als Person in Situationen. Darin erfährt er sich in vielfältigen Lebensbezügen, die seinem Leben Halt geben, zugleich gilt: Er kann nur das gegenständlich benennen, wozu er einen Lebensbezug hat. Ich habe beispielsweise einen Lebensbezug zu meiner Frau, zu meinen Kindern, zu meinen Freunden, zu meinem Beruf, usw.. Möglich ist nun, dass das Netz all dieser existenztragenden Lebensbezüge einmal reisst: Dann stehen wir dem Nichts gegenüber, in absoluter Leere, wir sind nicht mehr lebensfähig.

Nichts“ ist keine Gegenstandskategorie. Angesichts der Erfahrung dieses „Nichts“ geraten wir in die Schwebe der „Angst“; es überkommt uns das Gefühl des Preisgegebenseins. Dem „Nichts“ sich ausgesetzt finden, löst also die Befindlichkeit der „Angst“ aus.

Terminologisch ist in der gegenwärtigen Diskussion eine unheilvolle Verwirrung im Blick auf den Gebrauch der Begriffe „Angst“ und „Furcht“ festzustellen. Wenn ich angesichts der heute beschreibbaren individuellen Miseren und kollektiven Katastrophen urteile, es komme alles darauf an, die tiefenseelisch motivierte „Angst“ zu überwinden, um frei zu werden zur Grunderfahrung der „Liebe“, denn nur so könne eine befriedetere und gerechtere Welt geschaffen werden, so spricht u.a. Günther Anders geradezu von einem „Zeitalter der Verharmlosung und der Unfähigkeit zur Angst“. Er urteilt, wir würden die grossen Gefahren unheilvoll herunterspielen, verdrängen, wir hätten zuwenig Angst. So fehle uns beispielsweise die „Angst“ vor den Gefahren der Atomenergie und der Atombombe. Günther Anders stellt deshalb das Postulat auf: „Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst“. Meint er hier wirklich „Angst“? Nein, er spricht von „Furcht“.

Wenn wir uns beispielsweise vor dem jederzeit möglichen Atomkrieg fürchten, dann kennen wir doch das Objekt unserer Furcht, gegen das wir dann auch anzugehen vermögen. Solch eine gegenstandsbezogene Furcht ist nicht die in den Nihilismus führende Angst.

Die existentielle Angst ist lebensfeindlich, die gegenstandsbezogene Furcht dagegen lebensförderlich: Sie mobilisiert jene Kräfte, die ein gelingendes Leben ermöglichen helfen.

Carl Friedrich von Weizsäcker: "Furcht ist die affektive Wahrnehmung einer Gefahr. Angst ist die Furcht vor unserer eigenen Unfähigkeit zum Frieden."

Literatur

Carl Friedrich von Weizsäcker: Der Garten des Menschlichen, 1977, S. 122-133: Angst

Peter Kern / Hans-Georg Wittig: Pädagogik im Atomzeitalter, 1984²
Günther Anders: Die atomare Drohung, 1981

Peter Kern

 


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Die heutigen Wissenschaftler sind zu sehr Techniker, zu wenig Schöngeister.