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Heidegger und die Ökologie

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Heidegger und die Ökologie

von Julius Schaaf

Vorbemerkung: In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts leitete Dr. Julius Schaaf, emeritierter Professor für Philosophie von der  Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Seminare an der Pädagogischen Hochschule in Lörrach. Der Standort dieser Hochschule war damals von der Politik aufgegeben worden, und die PH Lörrach befand sich im Stadium der Auflösung. Die bereits immatrikulierten Studierenden mussten ihr Studium noch abschliessen können, neue wurden aber nicht mehr aufgenommen. Das führte dazu, dass in den letzten Semestern gelegentlich mehr Dozenten als Studierende ein Seminar besuchten. Solche privilegierten Seminare waren auch die damals sogenannten „Heidegger-Seminare“, die Julius Schaaf abhielt. An ihnen nahmen die Professoren Dr. Werner à Brassard, Dr. Jürgen-Eckehardt Pleines, Dr. Hans-Georg Wittig und ich zusammen mit nur sehr wenigen Studierenden teil. Das war für mich nach meiner ersten Einführung in die Philosophie von Martin Heidegger an der Universität in Göttingen eine bereichernde und gründliche Vertiefung. In diesem Zusammenhang schenkte mir Julius Schaaf sein Originalmanuskript „Heidegger und die Ökologie“. Der Text umfasst 11 Schreibmaschinenseiten mit einigen handschriftlichen Anmerkungen. Vor allem geht es dabei um Leseanweisungen. Gleich auf der ersten Seite ist in Rot angegeben: 31‘ 20‘‘. Julius Schaaf hat „Heidegger und die Ökologie“ im SWR2 in der Vortragsreihe die „Aula“ vorgetragen. Wann die Sendung ausgestrahlt wurde, ist dem Manuskript nicht zu entnehmen. Inzwischen werden die Aula-Vorträge durch den SWR2 im Internet zugänglich gemacht; bisher ist man allerdings erst bis ins Jahr 2005 zurückgekommen. Wenn demnächst dort das Manuskript abrufbar sein wird, dürfte es von dem mir vorliegenden Manuskript insofern abweichen, als eine Minute und 20 Sekunden Redezeit eingespart werden mussten, da die Sendedauer exakt auf dreissig Minuten begrenzt war. Die Rechtschreibung des mir überlassenen Manuskriptes wurde beibehalten.

Peter Kern


Und nun zum Text von Julius Schaaf:

In seinem Aufsatz "Heidegger und Frankreich" berichtet der bedeutende französische Heidegger-Kenner Henri Birault 1977 über die damals jüng­ste Pariser Philosophenschule, die sogenannte „noveaux philosophes“ wie folgt: "Unter dem Banner der Ökologie tritt sie die Nachfolge der alten konservativen oder agrarischen Rechten an und findet in der Be­stimmung des Menschen als Hirt des Seins (Heideggers Brief über den Humanismus) eine absolute Waffe zur Verteidigung der Natur im Kampfe gegen die Um­weltverschmutzung. Eine seltsame Metamorphose, die Fundamentalonto­logie ist zur Pastoralontologie geworden."

Das Ziel und der Zweck meines Vortrages soll es nun sein, zu untersu­chen, ob eine solche Metamorphose nicht schon bei Heidegger selbst vorliegt und des Weiteren, ob sie wirklich so seltsam ist wie Birault unterstellt. Abschliessend soll dann die Tragweite und Verbindlichkeit der Heideggerschen Philosophie für den Problembereich der Ökologie kritisch ge­prüft werden.

Eines sei gleich vorausgeschickt: Konkrete und detaillierte Lösungs­vorschläge für die uns bewegenden Probleme des Umweltschutzes können und dürfen wir von der Philosophie überhaupt von vornherein nicht erwarten, wenn anders Philosophie nicht das je einzelne Seiende zum Gegenstand ihrer Betrachtung hat, sondern vielmehr diejenigen Grundvoraussetzungen, kraft deren das je Einzelne als das sein und erkannt werden kann, was es ist. Da aber die Fachwissenschaften diese ihre Voraussetzungen selbst nicht mehr wissenschaftlich untersuchen, sondern einfachhin unterstellen, kann es sich durchaus ereignen, daß sie, von ihnen unbemerkt und unbewusst, von fehlerhaften Prä­missen ausgehen, die sich dann in der Anwendung und d.h. in der Praxis unheilvoll auswirken können. Da nun seit dem Beginn der Neu­zeit die Fachwissenschaften in steigendem Maße das Gebiet der Praxis eroberten, so konnte es nicht ausbleiben, daß Irrtümer im Grundle­genden verhängnisvolle Auswirkungen haben mussten. Da es nun Auf­gabe der Philosophie ist, eben diese Voraussetzungen kritisch zu prüfen und wenn nötig zu korrigieren, so ergibt sich hieraus der zunächst unerwartete Sachverhalt, daß auch die anscheinend rein theoretische Philosophie eine bedeutsame praktische Relevanz gewin­nen kann.

Heideggers Denken geht nun davon aus, daß ein solcher Grundirrtum sich in der Tat ereignet habe und daß er derart katastrophale Folgen hatte, daß wir heute in "dürftiger Zeit" leben, ja sogar in der "Weltnacht".

Dieses Verhängnis hat sich nun dadurch ereignet, daß, wörtlich genomm­en das die Welt erhellende Licht des Seins durch das sich immer mehr in den Vordergrund drängende Seiende zugehängt wurde und so dasjenige, was die Welt im Innersten zusammenhält, das Sein nämlich, in Vergessen­heit geriet. Diese Seinsvergessenheit stellt nun für Heidegger das Deutungs­prinzip dar, mit dessen Hilfe er die innere und eigentliche Ge­schichte des abendländisch-europäischen Menschentums zu erfassen sucht. Sie beginnt bereits, wenn auch noch verborgen, bei den Vorso­kratikern, setzt dann mit voller Kraft bei Plato und Aristoteles ein, um dann in einem über zweitausendjährigen Prozess ihren Höhe-, besser gesagt ihren Tiefpunkt in Gestalt der modernen Technik und der ihr zugehörenden planetarischen Weltwirklichkeit zu erreichen.

Es ist für unsere Betrachtung nicht erforderlich, den Gang dieser Verfallsgeschichte in seinen einzelnen Epochen nachzuzeichnen. Wichtig ist aber zu wissen, daß Heidegger den Begriff der Epoche in seiner griechi­schen Bedeutung von Enthaltung, Ansichhalten, gebraucht, um somit die aufeinanderfolgenden Epochen als Stationen des sich immer mehr steigernden Entzugs des Seins selbst interpretieren zu können. Es ist das Sein selbst, das sich steigernd verbirgt und entzieht, kei­neswegs also ein von den Menschen selbst bewirktes Geschehen. Daß diese sich selbst für die Agenten und Darsteller ihrer eigenen Ge­schichte halten, ist vielmehr gerade das sicherste Anzeichen ihrer Seinsvergessenheit. Ist es doch gerade der Mensch der technischen Weltgestaltung, der in dem irrigen Glauben lebt, selbst alles, auch sein eigenes Dasein und Schicksal gestalten, "machen" zu können.

Bereits bei Platon wurden nach Heidegger die Dinge einzig und allein von ihrem sich zeigenden Aussehen, ihrer Ansicht, wörtlich übersetzt von ihrer Idea her, in Betracht, d.h. in die Betrachtung gezogen und damit zugleich nur in der Hinsicht berücksichtigt, wie sie als Herzustellende, als Produkte ihrem Hersteller entgegenstehen. Eben dadurch wurden sie aber zu blossen Gegenständen degradiert, und es begann damit, wenn auch erst keimhaft, der unheilvolle Prozess, in welchem die Dinge immer leerer und nichtiger werden. So kann denn Heidegger am heutigen Schlußpunkt dieses Vernichtungsvorganges folgendes Fazit ziehen: „Nicht die vielberedete Atombombe ist als diese besondere Tötungsmaschinerie, das Tödliche. Was den Menschen längst schon mit dem Tod und zwar mit demjenigen seines Wesens bedroht, ist das Unbedingte des blossen Wollens im Sinne des vorsätzlichen Sichdurchsetzens in allem.“ Was den Menschen in seinem Wesen bedroht, ist die Willensmeinung, „durch eine friedliche Entbindung, Umformung, Speicherung und Lenkung der Naturenergien könne der Mensch das Menschsein für alle erträglich und im ganzen glücklich machen. Aber der Friede dieses Friedlichen ist lediglich die ungestört währende Unrast der Raserei des vorsätzlich nur auf sich gestellten Sichdurchsetzens."

Der fundamentale Irrtum der technischen Zivilisation besteht also darin, die „unbedingte sich selbst sichernde Herstellbarkeit alles Seienden in der unaufhaltsamen Vergegenständlichung von allem und jedem" vollziehen zu können. In seinen Vorlesungen über Nietzsche aus den Jahren 1935 bis 1940 hat er diese „Irre" der modernen Welt­situation in all ihren Gestalten aufzuzeigen unternommen. „Die Sicherung der höchsten und unbedingten Selbstentfaltung aller Vermögen des Menschentums zur unbedingten Herrschaft über die ganze Erde ist der geheime Stachel, der den neuzeitlichen Menschen zu immer neueren und neuesten Aufbrüchen antreibt und zu Bindungen nötigt, die ihm die Sicherung seines Vorgehens und die Sicherheit seiner Ziele sicherstellen. Das wissentlich gesetzte Verbindliche tritt daher in vielen Gestalten und Verschleierungen auf. Das Ver­bindliche kann sein: die Menschenvernunft und ihr Gesetz (Aufklärung) oder das auf solcher Vernunft eingerichtete und geordnete Wirkliche, Tatsächliche (Positivismus). Das Verbindliche kann sein: das in allen seinen Bindungen harmonisch gefügte und zur schönen Gestalt geprägte Menschentum (Humanität des Klassizismus). Das Verbindliche kann sein: die Machtentfaltung der auf sich selbst gestellten Na­tionen oder die Proletarier aller Länder oder einzelne Völker und Rassen. Das Verbindliche kann sein: eine Menschheitsentwicklung im Sinne des Fortschritts einer Allerweltsvernünftigkeit. . Das Verbind­liche kann auch sein: die verborgenen Keime der jeweiligen Zeit, die Entfaltung des Individuums, die Organisation der Massen oder beides…Innerhalb der Geschichte der Neuzeit versucht der Mensch überall und jedes Mal aus sich selbst sich selbst als die Mitte und das Maß in die Herrschaftsstellung zu bringen, d.h. deren Sicherung zu betreiben."

Es ist bezeichnend, daß dieser Text in der Auseinandersetzung mit Nietzsche geschrieben wurde, stellt doch für Heidegger die Lehre Nietzsches vom Willen zur Macht bzw. vom Willen zum Willen die letzte Phase in der Geschichte des modernen Denkens vor der Erreichung ihrer Endphase in der Gestalt der modernen Technik dar. Alle Epochen werden von Heidegger durch die Nennung der grossen Denker gekennzeichnet, von Parmenides bis zu Nietzsche, nur die Endphase, das Eschaton der Entwicklung bleibt namenlos, anonym, gesichtslos. In diesem

Sachverhalt drückt sich genau die Tatsache aus, daß mit der Erreichung dieser Eschatologie des Seins der Mensch sich selbst zum bloßen unpersönlichen Bestand, zum Menschenmaterial, zur her­stellbaren Sache machte und dies paradoxerweise gerade in dem Moment, in dem er sich als der alleinige Herr des Seins zu installieren glaub­te.

Als das entscheidende Leitwort für die Heideggersche Technikauslegung kann uns das Wort „Herstellen“ dienen, dem wir ja bereits des öfteren begegnet sind. Aus seinen Vorlesungen scheint es mir eindeutig hervorzugehen, daß das Motiv des Herstellens für ihn sogar das Leitmotiv der gesam­ten Geistesgeschiente darstellt, wie folgendes Zitat belegen mag: „Vorläufig gilt es nur zu sehen, daß die antike Ontologie vom Her­stellen bzw. vom Wahrnehmen aus das Seiende in seinem Sein interpre­tiert und daß, sofern auch Kant die Wirklichkeit mit Rücksicht auf Wahrnehmung interpretiert, hier sich ein einliniger Zusammenhang der Tradition offenbart." "Die Griechen, Plato und Aristoteles, haben nun nicht nur die Interpretation dieses Phänomens der Herstellung durch­geführt, sondern die Grundbegriffe der Philosophie sind aus dieser und in dieser Interpretation erwachsen." „Techne ist dasjenige, was alles Hervorbringen im Sinne des menschlichen Herstellens zu innerst angeht. Benennen wir das Innestehen im Wahren mit dem hier ganz weit und reich zu nehmenden Wort Wissen, dann ist die Techne eine Art des Wissens im weiten Sinne des Erhellens, des Lichtmachens."

Fassen wir diese Ausführungen Heideggers zusammen, so dürfte es klar sein, daß für ihn die Technik nicht etwa nur die Äusserlichkeit einer Welt von Apparaturen und Maschinen darstellt, sondern vielmehr das innere Geschehen der Philosophie selbst. Von diesem Grundgedanken aus können wir uns nunmehr auch die authentische Stellungnahme Heideggers zum Gesamtphäno­men Technik begreiflich machen. Zunächst sieht es demgegenüber allerdings so aus, als ob er eine nicht mehr überbietbar negative Stellung zur modernen Technik einnehmen würde. So hat man denn von seiner Technophobie gesprochen und scheinbar mit Recht, schreibt er doch be­reits im Jahre 1920: "Die Technik, die heute wie eine entfesselte Bestie in die Weit hineinwütet." Auch später noch entwirft er wahre Horrorvisionen von der Technik: "Es funktioniert alles. Das ist gerade das Unheimliche, daß es funktioniert und daß das Funktionieren immer weiter treibt zu einem weiteren Funktionieren und daß die Technik den Menschen immer mehr von der Erde losreißt und entwurzelt. Wir brauchen gar keine Atombombe, die Entwurzelung des Menschen ist schon da. Wir haben nur noch rein technische Verhältnisse. Das ist keine Erde mehr, auf der der Mensch heute lebt."

Es ist ja in der Tat nicht zu bestreiten, daß die moderne Industrie­- und Kriegstechnik nicht nur den Planeten verwüstet und zum Irrstern werden lässt, sondern darüber hinaus auch das Überleben des Menschen­geschlechtes selbst bedroht. Aber sie ist gerade deswegen für Heidegger die heutige Gestalt des Geistes par excellence, weil der Geist, das Sein, weit entfernt, ohnmächtig bzw. harmlos zu sein, vielmehr das in Wahr­heit, wenn auch verborgenerweise, Machtvollste und zugleich das Ge­fährlichste, ja sogar die Gefahr selber ist. Die von der Technik aus­gehende Gefahr kann nur gebannt werden, wenn sie bis zum Ende durch­gestanden und somit erst wahrhaft überwindbar geworden ist. Heidegger hat

diesen Gedankengang krass formuliert: "Ehe des Sein sich in seiner an­fänglichen Wahrheit ereignen kann, muss das Sein als der Wille gebro­chen, muss die Welt zum Einsturz und die Erde in die Verwüstung und der Mensch zur blossen Arbeit gezwungen werden. Erst nach diesem Unter­gang ereignet sich in langer Zeit die jähe Weile des Anfangs."

In diesen Sätzen vollzieht sich nun die Peripetie, der Umschwung in der Heideggerschen Technik-Analyse. Sie ist das Heil-lose, als dieses jedoch eine einzigartige Verweisung ins Heile. So birgt denn, was wir am wenigsten vermuten, das Wesen der Technik den möglichen Aufgang des Rettenden in

sich, weil in dem, was die äusserste Gefahr ist, das Rettende sogar am tief­sten wurzelt und von dorther gedeiht. Die Technik ist der Speer, der die Wunde, die er schlägt, auch wieder heilt. Wir können und müssen m.a.W. von einer eigentlichen und einer uneigentlichen Technik spre­chen, wenn wir dieses für das Heideggersche Denken grundlegende Gegensatzpaar in diesem Bereich, über Heidegger hinaus, zur Geltung bringen wollen.­ Er selbst spricht des öfteren von der Zweideutigkeit der Technik, von ihrem Januskopf und schreibt demgemäss: „Darum steht es auch überhaupt nicht in Frage, das Heraufkommen der Technik als negatives Geschehen anzusehen, aber ebenso wenig als positives Geschehen im Sinne eines Paradieses auf Erden.“ Am ausführlichsten äussert er sich zu diesem zentralen Problem in der Abhandlung „Gelassenheit" vom Jahre 1955, die zunächst den Titel „Zum Atomzeitalter" trug. "Es wäre töricht, blindlings gegen die technische Welt anzurennen. Es wäre kurzsichtig, die technische Welt als Teufelswerk verdammen zu wollen. Wir sind auf die technischen Gegenstände angewiesen; sie fordern uns sogar zu einer immer steigenden Verbesserung heraus. Unversehens sind wir ja doch fest an die technischen Gegenstände geschmiedet, daß wir in die Knecht­schaft zu ihnen geraten. Aber wir können auch Anderes. Wir kämen zwar die technischen Gegenstände benutzen und doch zugleich bei aller sachgerechten Benutzung uns von ihnen so freihalten, daß wir sie jederzeit loslassen. Wir können „ja“ sagen zur unumgänglichen Be­nützung der technischen Gegenstände, und wir können zugleich „nein“ sagen, insofern wir ihnen verwehren, daß sie uns ausschliesslich beanspruchen und so unser Wesen verbiegen, verwirren und zuletzt veröden. Wenn wir jedoch auf diese Weise gleichzeitig „ja“ und „nein“ sagen zu den technischen Gegenständen, wird dann unser Verhältnis zur technischen Welt nicht zwiespältig und unsicher? Ganz im Gegenteil. Unser Verhältnis zur technischen Welt wird auf eine wundersame Weise einfach und ruhig. Wir lassen die technischen Gegenstände in unsere tägliche Welt herein und lassen sie zugleich draussen, d.h. auf sich beruhen als Dinge, die nichts Absolutes sind, sondern selbst auf Höheres ange­wiesen bleiben. Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassen­heit zu den Dingen." In dem Fernsehinterview, das er zu seinem achtzigsten Geburtstag gab, heisst es dann abschliessend: „Ich habe nie gegen die Technik gesprochen, auch nicht gegen das sogenannte Dämonische der Technik, sondern ich versuche, des Wesen der Technik zu verstehen.“

Was versteht nun Heidegger unter dem Wesen der Technik?

Denselben ganz grundsätzlichen Unterschied, den er zwischen Sein und Seiendem kon­statiert - die ontologische Differenz. Genau denselben Unterschied statuiert er zwischen dem Wesen der Technik und der Technik selbst. Des Wesen der Technik ist nichts Technisches im üblichen alltägli­chen Sinne der Welt der Apparaturen und Maschinen, genau so wenig wie etwa das Wesen des Geldes, d.h. die Geltung eines Zahlungsmittels innerhalb eines Volkes, selbst Geld ist. Das Wesen der Technik ist, wie wir bereits sahen, eine Gestaltung des Seins selbst, und zwar dessen Endgestalt im Ablauf der seinsgeschichtlichen Epochen. Durch sie wird die Natur zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Industrie, indem durch sie mit Hilfe der neuzeitlichen Naturwissenschaft, welche die Aufgabe hat, die Vorausberechnung der Naturvorgänge sicherzustellen, die Natur heraus­gefordert, d.h. gestellt wird, sich in einer berechenbaren Gegenständlichkeit zu zeigen. Deshalb benennt Heidegger dies ihr Wesen mit dem Wort das „Ge-stell“, in welchem Wort das bereits erörterte Herstellen durch seine Vorsilbe zu dem neuen Gesamtsinn vereinigt wird, der, wie etwa das Wort Gebirge, die Gesamtheit und den Inbegriff aller Vorgänge des Herstellens und Produzierens ausdrücken soll.

Das zutiefst Fragwürdige dieser Gestalt des Entbergens der Welt besteht nun darin, daß die Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Welt für den einzigen Schlüssel zu ihrer Erkenntnis gehalten wird, während es doch im Gegenteil gerade darauf ankäme, zu einer neu erfahrenen Natürlichkeit der Natur zurückzukehren. Denn, so Heidegger, wir wissen, daß der Mensch durch die Atomenergie nicht leben, sondern höchstens umkommen wird.

Der unheimlichen, übermenschlichen Macht des Stellens ausgeliefert, verstellt der Mensch sich selber den Weg in das Eigene seines Daseins, stirbt er den geistigen Tod, der für Heidegger ja, wie wir bereits sahen, im Verhältnis zum physischen Tod erst der eigentliche Tod ist. Heidegger betont immer wieder und zwar mit Recht, daß die Produkte, die Machenschaften der Technik kein nur menschliches Gemächte sind. Allerdings muss dann doch wiederum bedacht werden, daß „zum Wesen des Seins aber das Men­schenwesen gehört, insofern das Wesen des Seins das Menschenwesen braucht, und deshalb kann das Wesen der Technik nicht ohne die Mithil­fe des Menschenwesens in dem Wandel seines Geschickes geleitet wer­den.“

Eben hierauf beruht nun die Möglichkeit und die Notwendigkeit aus dem Bereich der uneigentlichen Technik ins Freie, in den Bereich der eigentlichen Technik zu gelangen. Diese Möglichkeit "brächte die Zurücknahme der technischen Welt aus ihrer Herrschaft zur Dienst­schaft" und eben damit die entscheidende Wandlung von der uneigentli­chen zur eigentlichen Technik. Denn, wenn das Wesen, besser das Unwe­sen der uneigentlichen Technik darin besteht, daß durch sie der Mensch sich vorsätzlich durchsetzen will und eben dadurch in letzter Instanz, wenn auch unwissentlich, seine eigene Lebensunterlage unter­gräbt und zerstört, rettet die eigentliche Technik gerade das Eigen­ste des Menschen, dass er ein nachdenkendes Wesen ist. Denn deren Wesen besteht gerade darin, ein Vorzeichen, eine Vorerscheinung, ein Vorspiel dessen zu sein, was Heidegger als das „Geviert“ bezeichnet. Das Ge­viert soll die innige Zusammengehörigkeit von Erde und Himmel, Mensch und Göttlichem besagen, dergestalt, daß in ihm und durch es alles Seiende nicht mehr in einer es entleerenden Isolierung zum toten gleichgültigen Gegenstand oder gar zum wesenlosen Material und Bestand wird, sondern vielmehr die Dinge ihre eigene, ihnen wesentliche Physiognomie wiedergewinnen, indem sie als Konkretion der absoluten Fülle des Seins, des Gevierts also, erscheinen und erglänzen.

Als Beispiele echter eigentlicher Dinge führt Heidegger u.a. an: Krug, Steg, Pflug, Krone, Kreuz, Brücke, Tempel und last not least das Haus. Es ist ja nun offensichtlich, daß auch diese wahren Dinge hervorgebracht, daß sie erbaut werden müssen. Der Prototyp dieser eigentlichen, die Seienden zu ihrem wahren Wesen befreienden Technik ist für Heidegger das Bauen und das durch dieses ermöglichte Wohnen. „Das Geviert zu schonen, die Erde zu retten, den Himmel zu empfangen, die Göttlichen zu erwarten, die Sterblichen zu geleiten, dieses vierfältige Schonen, ist das einfache Wesen des Wohnens. So prägen denn die echten Bauten das Wohnen in seinem Wesen und behausen dieses Wesen.“ In diesem Zusammen­hang beschwört Heidegger immer das Wort Hölderlins: „Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde." Im Gegensatz hierzu schrieb Heidegger 1972: „Ohne Verdienst, undichterisch, wohnet heute der Mensch, entfremdet den Sternen, verwüstend die Erde." Er frägt zweifelnd: „Gibt es nun aber in dieser Zeit noch so etwas wie ein bei sich zu Hause, eine Wohnung, eine Bleibe? Nein, es gibt Wohn­maschinen, städtische Ballungszentren, kurz das industrialisierte Produkt, aber kein Haus mehr." Wir würden jedoch irren, wenn wir Heidegger deswegen eine restaurative Romantik unterstellen wollten. Schreibt er doch ausdrücklich: "Der Hinweis auf den Schwarzwaldhof meint kei­neswegs, wir sollten und könnten zum Bauen dieser Höfe zurückkehren, sondern er veranschaulicht an einem gewesenen Wohnen, wie es zu bauen vermochte." D.h. also wir haben es hier mit einem ausdrücklichen Hinweis auf das Wesen der eigentlichen Technik zu tun. „Die trost­lose Raserei der entfesselten Technik, der absolute technische Staat" kann also nur so überwunden werden, daß der Mensch überhaupt erst ein zureichendes Verhältnis zum Wesen der Technik gewinnt, d.h. aber, daß er die eigentliche Technik in die Praxis umsetzt. „Meine Überzeugung ist, daß nur von demselben Weltort aus, an dem die mo­derne technische Welt entstanden ist, auch eine Umkehr sich vorberei­ten kann, daß sie nicht durch Übernahme von Zenbuddhismus oder anderen östlichen Welterfahrungen geschehen kann. Denken wird nur durch Den­ken verwandelt, das dieselbe Herkunft und Bestimmung hat." Bei dieser Umkehr zur eigentlichen Technik handelt es sich um nichts Geringeres als um die „Weltfrage des Denkens.“ „An ihrer Beantwortung entscheidet sich, was aus der Erde wird und was aus dem Dasein des Menschen auf dieser Erde.“

Was hat nun dieses alles mit der Ökologie zu tun?

Die Antwort kann nur lauten: Alles. Wenn wir nun unter Ökologie im weitesten Sinne alle Bestrebungen verstehen, der immer stärker anwachsenden Welt­not zu begegnen, d.h. die Not, daß sich uns Welt überhaupt und mit ihr Heimat entzieht, zu wenden. Diese unbedingte Notwendigkeit kommt nun in der Tat im Denken Heideggers in einer nirgendwie sonst erreichten Tiefe der Gesinnung zur Sprache. So bedenklich und fragwürdig sein Entwurf eines Panoramas der Weltgeschichte im Horizonte der Seinsvergessenheit auch sein mag, seine Diagnose der Gegenwart allerdings übertrifft an gedanklicher Präzision und Tiefgang alle mir sonst bekannten Versuche, eben weil er begreift, daß die „Denkweise der überlieferten Metaphysik keine Möglichkeit mehr bietet, die Grundzüge des erst beginnenden technischen Weltalters denkend zu erfahren.

Wenn wir nun aber glauben, daß dieser eminenten Diagnose ein gleichwertiger Vorschlag zur Therapie entsprechen würde, so werden wir tief enttäuscht. Heideggers Attentismus, seine Einstellung, „wir sollen nichts tun, sondern warten", wirkt sich gerade im Bereich des Ökologischen am krassesten aus mit der Folge, daß er letztendlich sogar die so oft beschworene Möglichkeit der Rettung verleugnet. So heisst es etwa einerseits: „Es kann noch kein Untergang des Menschen auf dieser Er­de sein, weil die ursprüngliche und anfängliche Fülle seines Wollens und Könnens ihm noch aufbehalten und gespart ist", dann aber: "Die Heimatlosigkeit ist das Weltschicksal. Der moderne Mensch ist dabei, sich in dieser Heimatlosigkeit einzurichten.“ Und schlieselich heisst es: „Vielleicht endet alles in einer grossen Verödung. Vielleicht kommt es dahin, daß der Mensch mit seinen Machenschaften, in seinen vermeintlich eigenen Gemächten eines Tages sich selbst langweilig wird und plötzlich zu fragen beginnt. Vielleicht kann es auch sein, daß die Verödung so weit reicht, daß er gar nicht mehr den inneren Verfall und die Leere seines Daseins spürt.“ In seinem Gespräch mit dem „Spiegel" 1966 gab Heidegger dementsprechend auf alle Fragen nach Zu­kunftsmöglichkeiten und nach Abhilfen die stereotype Entgegnung: „Auf diese Frage weiss ich keine Antwort". "Soweit ich sehe, ist ein Einzelner vom Denken her nicht imstande, die Welt im Ganzen so zu durchschauen, daß er praktische Anweisungen geben könnte und dies gar noch angesichts der Aufgabe, erst wieder eine Basis für das Denken selbst zu finden." Aber besteht nicht gerade der gesamte Sinn seines Denkens in der Behauptung, diese Basis gefunden zu haben, und wenn nicht ein Einzelner praktische Anweisungen geben sollte, wer denn sonst?

Es wird somit alles darauf ankommen, den Grund für diesen Absturz von einer so hellsichtigen Diagnose in eine so weitgehende Absage an jede mögliche Praxis aufzudecken. Würde uns dies gelingen, so wäre damit wiederum die Möglichkeit eröffnet, die tiefen Einblicke Heideggers in das, was ist, doch - und sei es auch gegen ihren Urheber-  wiederum ins Spiel zu bringen. Die so oft und geradezu als Voraussetzung alles wahren Denkens überhaupt beschworene Rettung wäre dann kein blosses Wahngebilde bzw. utopische Ideologie mehr.

Soweit ich sehe, sind es drei Gründe, die Heideggers katastrophales Zurückweichen vor jeglicher Art von Praxis verschuldet haben. Da wäre zunächst ein Einwand zu analysieren, den er selbst gegen die Berechtigung von

Umweltschutz, Entwicklungshilfe und verwandter „moralischer" Be­mühungen ins Feld führt und der dahin geht, daß alle diese Bestrebungen doch nur wieder dieselbe Technik zur Anwendung bringen, die sie angeblich bekämpfen. Hier läge in der Tat ein circulus vitiosus vor, wenn es nicht die Unterscheidung von eigentlicher und uneigent­licher Technik geben würde, die Heidegger zwar immer voraussetzt, deren Auswirkungen in concreto er aber stets unterschlagen und vergessen hat. In der Tat ist es ja so, daß nur das Inswerksetzen und die Anwendung, der eigentlichen Technik die Wunde zu heilen vermag, welche die alles nivellierende uneigentliche Technik geschlagen hat bzw. immer noch schlägt. Wenn Heidegger die Umwelt als Unwelt bezeichnet, so ist doch diese scharfe Charakterisierung der modernen Weltlosigkeit nur auf der Folie der echten und wahren Welt, wie sie einzig und allein auch nach Heidegger die eigentliche Technik zu gestalten vermag, überhaupt sinnvoll. Demgemäss wendet sich sein Einwand, wenn zu Ende gedacht, gegen ihn selbst und wird damit zu einem Rechtfertigungsgrund für die Ökologie.

Ein zweiter Einwand beruft sich auf ein Argument, welches wir bereits gestreift haben, daß nämlich das bloß physische Weiterleben der Menschheit ohne die Erreichung ihrer existentiellen Eigentlichkeit sowieso keinen Wert habe und eben deshalb alle Bemühungen in dieser Richtung von vornherein unnötig und vergeblich wären. Aber auch bei diesem Einwand unterschlägt Heidegger wiederum die von ihm selbst gesehene Möglichkeit eigentlicher Technik und vergisst zudem noch, daß Eigentlichkeit immer Uneigentlichkeit, d.h. aber bloß physische Existenz voraussetzen muss, um ihrerseits existenzfähig werden zu können. So stösst auch dieser Einwand, ganz abgesehen von seiner moralischen Bedenklichkeit, ins Leere.

Beide Einwände finden ihre letzte Begründung in Heideggers Auffassung vom Handeln, vom Wesen der Praxis im Verhältnis zur Theorie überhaupt, wie er sie in seinem Brief aus dem Jahre 1966 mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit klargestellt hat: „Sobald jedoch diese Erkenntnis wach wird, regt sich die Erfahrung, daß das Denken sich nicht mehr nach dem überlieferten Schema der Unterscheidung von Theorie und Praxis auf die Seite des bloß Theoretischen abschieben lässt. Das denken wird erfahrbar als ein ursprüngliches Handeln, das zwar keine unmittelbaren Effekte erzielt, aber gerade deshalb in seiner Nutzlosigkeit alles technisch-praktische Unternehmen überholt und so die Bestimmbarkeit der künftigen Existenz des Menschen vorbereitet.“ In seinem Vortrag „Die Kehre“ vom Jahre 1949 heisst es lapidar: „Denn das Denken ist das eigentliche Handeln, wenn Handeln heisst, dem Wesen des Seins an die Hand gehen.“ Diese Aussage Heideggers ist deshalb von entscheidender Bedeutung, weil sie besagt, daß es nicht etwa das Sein allein ist, welches die rettende Wandlung bewirkt, sondern daß ihm an die Hand gegangen werden, daß gehandelt werden muss. D.h. aber, daß nur durch die Gelassenheit zur technischen Welt, von der wir bereits hörten, ursprünglichere Möglichkeiten eines freien Daseins des Menschen sich verwirklichen können. Heidegger widerspricht sich also selbst, wenn er andererseits apodiktisch behauptet: „Das Wesen der Technik ist keine nur menschliche Machenschaft, die eine menschliche Überlegenheit und Souveränität bei geeigneter moralischer Verfassung bändigen könnte." Nicht mehr ganz so apodiktisch heisst es dann 1966: „Gering aber bleibt das vermutete Denken, vor allem deshalb, weil seine Aufgabe nur einen vorbereitenden, keinen stiftenden Charakter hat. Sie begnügt sich mit der Erweckung einer Bereitschaft des Menschen für eine Möglichkeit, deren Aufriß dun­kel, deren Kommen ungewiss bleibt."

Dem Denken aber sowohl die mittelbare sowie die unmittelbare Wirkung absprechen, heisst nichts anderes, als es zu gänzlicher Wirkungs­losigkeit zu depotenzieren. Heidegger schwächte deshalb seine Aussagen ab, indem er im „Spiegelgespräch" meinte: "Durch ein anderes Denken ist eine mittelbare Wirkung möglich, aber keine direkte, so daß gleichsam kausal das Denken den Weltzustand verändert.“

Aber schliesslich und endlich ist ja auch eine mittelbare Wirkung doch eine Wirkung, deren logischer Status durch die Differenzierung in unmittelbar und mittelbar überhaupt nicht tangiert wird. Auch kann eine mittelbare Wirkung durchaus wirkungsvoller sein als eine unmittelbare und auch die zeitliche Differenz zwischen beiden kann sich ja auf ein Minimum reduzieren. Damit aber scheitert auch dieser Versuch Heideggers, auch der eigentlichen Technik keinerlei bzw. nur minimale Wirksamkeit zuzuschreiben. Noch tiefer gesehen beruht die Möglichkeit auch dieses Einwandes auf der generellen Abwertung der Kategorie der Kausalität im Denken Heideggers. Indem er nämlich Ursache und Wirkung in den Bereich des Seienden zurückstuft, entzieht er ihnen jegliche Bedeutung in der Sphäre des Seins, also auch gerade für die eigent­liche Technik, während doch in Wahrheit gerade das Wirken ein, wenn nicht sogar das Hauptcharakteristikum des Seins darstellt. Diese Entwertung der Kausalkategorien trifft nun gerade die Therapie mitten ins Herz, und somit nimmt es denn nicht Wunder, wenn im Denken Heideggers eine glänzende und treffsichere Diagnose der technisch-industriellen Welt in ein geradezu nihilistisches Ergebnis in Hinblick auf deren Veränderbarkeit und Rettung einmündet.

Kennen wir aber die Gründe, welche diese Fehleinstellung zur Praxis be­wirkten und können wir sie als letztlich nicht zentral ausschalten, dann werden wir Heideggers Beitrag zur ökologischen Bewegung seines exemplarischen Tiefgangs wegen nicht ungestraft unberücksichtigt lassen dürfen.

Julius Schaaf


 


Zufällig ausgewählte Glosse

„Wer vor seinem dreissigsten Lebensjahr niemals Sozialist war,hat kein Herz.Wer nach seinem dreissigsten Lebensjahr noch Sozialist ist,hat keinen Verstand.“ Benedetto Croce.