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Werk der Natur

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Werk der Natur -

Anthropo-biologische Betrachtungsweise



Werk der Natur


"Glossen", "Aphorismen"...


Gesundheit ist ein Mittel, kein Ziel des Lebens. Wer dagegen die Gesundheit zum Ziel des Lebens erhebt, versetzt den Arzt in die Rolle eines Staatenlenkers. Er hat eine Zivilisation der Gesunden zu organisieren. In einer solchen Gesellschaft gelten Schwache und Kranke als minderwertig. Man wird sie mit pharmakologischen Mitteln „verbessern“ und durch „Menschenzucht“ dem vorherrschenden Gesundheitsideal anpassen. Wo das scheitert, hilft nur noch ausmerzen. Im Horizont einer solchen Gesundheits-„Kultur“ wird das bald niemand anstössig finden.

Wer Aussen und Innen, Natur und Geist, res extensa und res cogitans unterscheidet, der ist bereits in die Falle des neuzeitlichen Subjektivismus gestolpert. Er denkt vom Menschen aus. Damit verschliesst er sich für alles, was ihm widerfahren könnte und missversteht sich als Herr und Eigentümer der Natur.

Wo sind die starken Menschen, die dem Tod die Stirn bieten und sich der Liebe hingeben? Alles ist so lau vorgespurt. Das meiste langweilt. Wir Energiehungrigen kennen den Oil-Peak, aber keine Lebens-Peaks. Wenn es hoch kommt, geraten wir routiniert in Rage, nicht aber in Ekstase.

Der narzisstische Gewinn des Mannes, von der Schönheit einer Frau profitieren zu dürfen, negiert sie als Person. Er erhöht sich, ohne sie zu lieben. Fällt sie auf diese Umdeutung herein, macht sie sich zum Objekt seiner Begehrungen. Sie wird Modepuppe.

Wenn uns die Sexualität misshandelt, hat die Vernunft wenig Chancen.

Wir werden unser Leben mit dem Leben bezahlen, gleichgültig, wie wir es lebten. Hier, und nur hier, gilt der Satz: There is no alternative. TINA.

Wenn die Liebe zwischen einem Paar erloschen ist, lässt sie sich mit keinem Wort zurückerobern. Es gibt keine rationalen Gründe, jemanden zu lieben. Es ist ganz allein die Liebe selbst, die uns lieben lässt, denn Liebe ist noch nie anders als durch Liebe erweckt worden.

Indem er die Frauen verachtet, gewinnt er sie. Wer so viel Macht hat, ist gefährdet. Wenn er „zum Weibe geht“, sollte er Nietzsches Peitsche nicht vergessen – um sich selbst in Zucht zu nehmen.

Wer Erholung wie einen Wettbewerb organisiert und Genuss als Kampfsport begreift, kann weder geniessen, noch sich erholen. Roger Willemsen sieht in solchen Menschen den identitätslosen Deutschen.

Freitod kann Selbstmord aus Verzweiflung wie auch Opfer aus Würde sein. Den Verzweifelten haben wir zum Leben zu bekehren, den sich würdevoll Opfernden nicht.


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Vorsicht! Unbefriedigte hassen oft.

Spasmisch zitternd: Ein Orgasmus. An sich und den Anderen verloren sein, Überwindung jeder Subjekt-Objekt-Trennung. Verloren der Verstand, ein Zustand auch jenseits des Reiches der Vernunft. Sich verlieren, ohne Verlust, sondern voll der Gabe. Zurück zur Natur. Wenigstens für Augenblicke.

Wer die gewaltige Kraft der Natur unterschätzt, der dünkt sich zwar, ihr Herr und Eigentümer zu sein. In Wahrheit betreibt er nur seinen Untergang.

Naturkatastrophen gibt es nur für den Menschen. Die Natur kennt sie nicht. Sie hat kein Bewusstsein.

Das Wort Enthirnung ist so scheusslich wie der Tatbestand selbst. Alzheimer. Der Mensch nur noch ein nachtönendes Passivum.

Fortschritte in der Medizin: Man bekämpft heutige Leiden immer erfolgreicher und vermehrt dadurch künftige umso mehr. Bevölkerungsexplosion.

Der Ertrag der Wucherungen des institutionalisierten Gesundheitswesens - steigende Kosten bei abnehmendem Wohlbefinden.

Gesundheit fällt nicht auf; sie ist nicht aufdringlich und aufsässig wie die Krankheit.

Körperliche Gesundheit als Wissen gibt es nur im Modus der Krankheit.

Leib und Körper: Den Körper kann man zum Objekt machen, dann ist er vermessbar. Der Leib dagegen geht im Horizont des Messens nicht auf; er überschreitet die Dimension des Objektseins.

Wer als Arzt mit Krankheit zu tun hat, hat in Wahrheit mit Gesundheit zu tun: Krankheit als Privations-Phänomen.

Ohne die richtige Spannung des Körpers, sprechen wir falsch. Technik vermag hier wenig. Und die Spannung des Körpers ist Ausdruck einer immer wieder neu zu erarbeitenden Haltung. Junge Menschen heute wissen davon viel zu wenig.

Wer ständig um sein Gesundsein besorgt ist, macht sich das Selbstvergessene von Gesundheit bewusst - und gerät zwanghaft in einen Zustand latenter Krankheit.

Auch unter künstlichem Licht gibt es Wachstum, aber kein Reifen.

Die freie Wahl einer Begehrung ist eine Selbsttäuschung: Sie negiert ihre Freiheit durch das Begehren.

Wer den Menschen als biologischen Unfall auffasst, muss ihn gentechnisch reparieren.

Flüchtige Skizzen der Lust: Den Anderen beim Vorübergehen mit dem Blick entkleiden.

Die Dummheit, einen zweiten Frühling zu wollen, zerstört irreparabel das gewachsene Vertrauen des ersten.

Die kollektive Intelligenz der Natur erhebt sich zunehmend gegen den Menschen. Recht hat sie.

Für den homo naturalis eine Katastrophe: Nicht zu können.

Biologischer Minimalismus: Der Sinn des Lebens sei, Leben zu produzieren.

Einem Kind das Leben schenken, es gebären, es machen, es produzieren, es herstellen. Ein Gradualismus Richtung Zombie.

Was begehren wir sexuell: Unsere Befriedigung oder den Anderen?

Der neue Biologismus: Die Zukunft liegt in den Genen. Welch ein Reduktionismus!

Biologischer Naturalismus statt umgreifende Anthropologie: Leben missverstehen als zellenbewegte Vorform zum Tod.

Alles Animalische ist nur Vor-Form.

Der Mensch, nur noch ein Werk der Natur, ein deterministischer Genhaufen. Woher kommt diese Sucht nach Selbsterniedrigung?

Die Hydra der Hybris entledigt sich ihrer planetarischen Verantwortung durch ein biologistisches Menschenbild.

Was hilft es schon, wenn wir lernen, künstlich Leben herzustellen, wenn wir doch den Sinn von Leben verloren haben.

Der Appell des körperlichen Schmerzes an unsere Person stoppt der Gang in die Apotheke.

Wenn wir die Schliche der erotisch-sexuellen Leidenschaften auf die Politik übertragen könnten, die Menschheit wäre weiter.

Eros: Der unwiderstehliche Sog der Menschen zueinander.

Die platonische Liebe ist unerschöpflich, die fleischliche erschöpfend.

Das Wort „Sexualleben“ ist ungeeignet, Liebe als Agape einzuschliessen.

Solipsismus: Erotik kollabiert zur Masturbation.

Pädophilie: Inzest statt familiärer Nähe.

Intime Machtverhältnisse: Sexualität als Akt der Inbesitznahme – statt erotischer Verführung und liebender Geborgenheit.

Repressive Sexualmoral: Er hat nur gelernt, die Frau emporzuziehen, nicht aber, sie auszuziehen.

Nur der Orgasmus befreit zur Natur.

Androgyn: Die Sehnsucht nach dem pränatalen Menschen, noch vor der Trennung in Mann und Frau.

Wenn der Mensch sich wie einen Ochsen mästet, dann wird er zum Ochsen.

Sie halten ihr individualistisches Leben höher als alles andere. Sind sie deshalb vitalistische Materialisten?

Sexualität ohne Liebe: Embryo in Spiritus.

Die zügellose Vermehrung der Menschen auf diesem Globus ist kein Ausdruck von Wachstum. Es handelt sich dabei um Wucherungsprozesse, die bekanntlich tödlich enden.

Nicht alles, was die Evolution zugelassen hat, war Leben fördernd.

Sloterdijks Technikpark: Die wissenschaftliche Stallaufzucht der Menschheit.

Leben als biologische Wirklichkeit greift zu kurz. Leben als gesellschaftliche Konstruktion erzeugt Knechtschaft. Leben als Prozess der Emporbildung befreit – sowohl von der Natur als auch von der Gesellschaft.


Peter Kern


 


Zufällig ausgewählte Glosse

Das Nichtmenschsein ist keine Alternative zum Menschsein. Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel.