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Michel Foucault

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Michel Foucault: Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II, dt. 2010

Nun gibt es sie auch auf Deutsch - die berühmte Vorlesung von Michel Foucault am Collège de France, die seine letzte sein sollte. Am 28. März 1984 beendete er sie unspektakulär mit den Sätzen: "Nun also, hören Sie, ich hatte vor, Ihnen einige Dinge zum allgemeinen Rahmen dieser Analysen zu sagen. Aber jetzt ist es zu spät. Also dann, danke schön." Drei Monate später ist Foucault tot; er starb mit 57 Jahren an Aids.

Die Analysen: Subtile Interpretationen über Sokrates, Plato, die Kyniker und die frühen christlichen Denker. Das Ziel solcher Versuche: In der Idee der Parrhesia, dem freimütigen "Wahrsprechen", sich der Wahrheit anzunähern. Insofern ist diese letzte Vorlesung, deren zweiter Teil soeben erschienen ist, ein erstaunliches Dokument. Kennt man Foucault doch vorrangig als einen Vertreter der Postmoderne, dem es darum ging, hinter dem Glanz der Aufklärung deren Schatten sichtbar zu machen. Emanzipation, Mündigkeit, Vernunft erscheinen dann als die dunklen Mächte hinter einer Fassade, die uns nur getäuscht habe. Diese Täuschung verbarg, so Foucaults Analysen der Aufklärung, die dunkle Realität der Macht, die nach wie vor am Werke sei, also die Logik von Kontrolle und Disziplinierung, von Abrichtung und Menschenführung. Selbst die Rede von Sex und freier Liebe diene nur dazu, den Menschen abzurichten und den "Gebrauch der Lüste" zu manipulieren. Eine verbindliche Wahrheit sucht man in dieser Perspektive vergeblich; im Gegenteil, wer sie anstrebe, der setze sich von vornherein dem Verdacht aus, seinerseits nur autoritär über andere herrschen zu wollen. Und nun dies: Mut zur Wahrheit! Wer also, wenn auch in anderen Kontexten, sich mutig auf den Weg macht, in Zeiten postmoderner Beliebigkeit nach Verbindlichkeit zu suchen, Wahrheit anzustreben, der wird nicht länger mit einem lässigen Hinweis auf Foucault mundtot gemacht werden können. Eine erfreuliche Erkenntnis.

Peter Kern




 


Zufällig ausgewählte Glosse

Wir sind immer erst Mensch, dann Mann oder Frau, Christ oder Muslim, Deutscher oder Türke. Was ist an dieser Einsicht so schwer?